Vortrag in Stuttgart, Haus der Wirtschaft am 6.5. 2000
Die Kundalini-sakti, die göttliche Schlangenkraft, wie sie in Indien genannt wird,
beschäftigt früher oder später wohl jeden Yogaübenden. Nicht nur im Yoga, in den
mystischen Bemühungen und im Okkultismus vieler Kulturen und Zeitepochen spielte die Kundalini
eine große Rolle.
Das Ziel des Yoga ist die Entwicklung des Menschen. Seine Natur soll von ihm selbst ergriffen
und durchgestaltet werden. Der Yogi greift in die Prozesse seines Körpers und Bewußtseins
bewußt ein , um sie zu verändern und zu höheren Stufen zu entwickeln. Dazu kann er
grundsätzlich auf zwei ganz verschiedene Arten vorgehen. Lassen sie mich einmal die
unterschiedlichen Vorgehensweisen am Beispiel der Asana erklären.
Asana sind sehr vielfältig einsetzbar. Im Raja-Yoga werden sie im allgemeinen als
eine Vorbereitung des Körpers zu Pranayama und zu Meditation gesehen. Der physische und der
feinstoffliche Körper sollen durch Asana gereinigt und energetisiert werden.
Weiterhin sollen die Chakren angeregt und stärker zum Schwingen gebracht werden.
Technisch geschieht dies indem durch die Asana das Prana, die Lebensenergie des Körpers in
bestimmten Regionen zentriert wird.
Nehmen wir einmal ein Beispiel:
Wir wollen das Manipura-Chakra, das dritte Zentrum,
das mit dem Sonnengeflecht in Verbindung steht, anregen. Dazu können wir eine Übung machen,
die allgemein sehr bekannt ist: Das Dreieck, trikonasana.
Die Asana wird demonstriert.
Als Folge der Ausführung dieser Stellung ist eine Weite im Sonnengeflecht spürbar,
sowie ein weiterer, fülliger Atem.
Wir wirken also vom Körper auf das Bewußtsein., vom grobstofflichen auf das
feinstoffliche. Diese Vorgehenswesie ist die übliche.
Indem wir Asana machen streben wir die vielen positiven Wirkungen dieser Praxis auf den
Körper und auf das Bewußtsein an, sei es auf einem Weg, der nur auf mehr
Gesundheit du Wohlbefinden ausgerichtet ist, oder auf einem spirituellen Übungsweg,
als Vorbereitung zu Pranayama und zur Meditation.
Wir können aber nun auch anders vorgehen: Diese Vorgehensweise beginnt nicht im
Körper sondern im Gedanken. Wir gehen also nicht gleich in die Asana hinein, sondern machen
uns vorbereitend einige Gedanken dazu:
Man kann eine Asana ja auch in der Weise betrachten, daß ihrem äußeren
Ausdruck im Körper auch ein seelisches und geistiges Wesen zugrundeliegt. Im Sinne des Yoga
besteht die Welt ja nicht nur aus der physischen, sichtbaren Welt, sondern umfasst auch die
Dimensionen des Bewußtseins oder der Seele und die des Geistes.
Eine Blume z.B. hat nicht nur eine äußere Gestalt, sondern wir empfinden ja auch,
wie mit jeder Blume ein seelisches Wesen in Verbindung steht. Eine Rose z.B. hat für uns einen
gewissen Symbolgehalt, und wir empfinden doch mehr oder weniger, die in ihr ein seelisches Geheimnis lebt.
Für dieses seelische Wesen können wir unsere Empfindung schulen, und es mit der
Zeit auch objektiver Wahrnehmen lernen. Wenn wir also trikonasana betrachten, dann tritt uns nicht
nur eine physische Form entgegen, sondern auch ein ganz bestimmter innerer Gehalt, ein konkreter Gedanke,
und eine konkrete Empfindung, die durch die Asana einen äußeren Ausdruck finden.
Das Dreieck ist seelisch ein Bild für das Erleben eines Verhältnisses von Ruhe
und Bewegung.
(wird am Beispiel erläutert)
Geistig haben wir das Symbol des Dreiecks, die Dreiheit. Die Zweiheit steht für die
Dualitäten des Lebens, für Geist und Materie, für oben und unten, für Siva
und Shakti, für Männlich und weiblich.
Die Zahl drei, und auch das Dreieck
als geometrisches Symbol, können gesehen werden wie die Auflösung der Dualität
durch die Verbindung der Dualen Gegensätze auf einer höheren Ebene.
Indem wir solche Gedanken einige Minuten auf uns wirken lassen und vielleicht
gleichzeitig das Bild von trikonasana vor Augen haben, wirkt dieser Meditationsinhalt auf unser
Bewußtsein. Er macht uns auf einen inneren Zusammenhang aufmerksam, der mit trikonasana
Indem wir trikonasana dann ausführen, drückt sich dieser Bewußtseinsinhalt
dann auch in der äußern Form, im Körper aus.
Die Asana wird ein zweites Mal demonstriert
Um diesen Weg über den Gedanken besser in seiner doch für uns sehr ungewöhnlichen
Eigenart verständlich zu machen, lassen sie mich ein Beispiel bringen:
Sie kennen wahrscheinlich die Blütentherapie von Dr. Edward Bach. Dieser Edward
Bach ging in seinen Forschungen davon aus, daß in jeder seiner 38 Heilpflanzen eine Tugendkraft
verkörpert ist. Durch ein gut geschultes Wahrnehmungsvermögen und einen Sinn für die
Geheimnisse der Pflanzenwelt konnte er zum Beispiel sagen, daß das seelische Wesen der Olive
mit Kraft und Stärke in Verbindung steht. Er entwickelte daraus dann seine Heilessenzen und
verabreichte sie den Patienten. Dabei war er sich sehr bewußt daß eigentlich das
seelische Wesen der Pflanze die Heilung hervorrief.
Nun hat Dr. Bach aber auch darauf hingewiesen, daß nicht nur das Einnehmen der Tinkturen
zur Heilung führt, sondern auch das Betrachten der jeweiligen Pflanzen. Er wußte um die
Tatsache, daß dasjenige, was wir zutiefst innerlich erforschen, mit der Zeit ein Teil von uns wird.
Das Wesen der Pflanze geht dadurch in unser eigenes Seelenleben über.
Ich mache solche Übungen und Pflanzenbetrachtungen auch oft in meinen Yogakursen und
habe recht gute Erfahrungen damit gesammelt. Allerdings ist es wichttig, bei so einer Übung
einige Punkte zu beachten:
Ich möchte vorschlagen, daß wir einmal eine solche Übung gemeinsam machen:
Wir haben hier eine Arnika, eine Gebirgsblume, sie wird auch als Heilpflanze
verwendet, vor allem bei Verletzungen, Stauchungen, Prellungen etc.
(Es wird die Betrachtung der Pflanze angeleitet, die per Overhead dargestelt ist).
Wiederholt man so etwas regelmäßig über mehrere Tage, so ist es eine Erfahrung,
die die meisten Kursteilnehmer ganz deutlich machen, daß die Pflanze innerlich
näher gerückt ist, sie wird vertrauter, ja es scheint, als würde sie einen wie ein
feines Wesen innerlich in der Seele begleiten.
Was tun wir, wenn wir eine solche Übung ausführen? Wir müssen von uns weg,
zur Sache, einem Betrachtungsobjekt hingehen mit unserem Bewußtsein.
Je größer diese Kapazität ist, nicht unsere eigenen aufgespeicherten Gedanken
und Gefühle über die Pflanze zu stülpen, sondern sie wirklich anzuschauen, desto mehr
werden wir fähig, tatsächlich das seelische Leben der Pflanze in uns aufzunehmen.
Diese Vorgehensweise einer Betrachtung und einer Überwindung des Projektionsfeldes ist immer
auch eine Empfindungsschulung und verbunden mit einer Sinnentwicklung. Wenn wir uns in der Art und Weise,
die ich ihnen vorhin angedeutet habe, mit Pflanzen oder Asana auseinandersetzt, also auch die tieferen
Wesenseigenschaften gedanklich und empfindungsmäßig immer wieder betrachtet, wird man einen
Sinn entwickeln , für die feinen Unterschiede in den Asana. Unsere Wahrnehmungsfähigkeit
differenziert sich mehr auf, und wir merken mehr die feinen Unterschiede im Ausdruck,
ganz so wie eben ein Künstler einen Sinn für seine Kunst entwickelt.
übertragen wir dies nochmal auf die Asana:
Ich betrachte trikonasana, und bilde mir Gedanken dazu. Indem ich diesen Vorgang wiederhole,
begeleitet mit dem tiefen Anliegen, das seelische Wesen dieser Asana zu ergründen, dann wird das
seelische Wesen dieser Asana in meinem Bewußtsein leben. Wenn es im Bewußtsein lebt,
dann kann ich es auch auf ganz natürliche Art und Weise im äußeren ,
im Körper ausdrücken.
Fassen wir zusammen:
Wir haben zwei Möglichkeiten, auf einem Übungsweg voranzuschreiten.
Einmal wirken wir vom Körper auf das Bewußtsein, induzieren bestimmte Erfahrungen
und Wirkungen im Bewußtsein durch eine Übung, (von unten nach oben). Oder wir bilden uns Gedanken,
objektivieren diese mehr und mehr durch ein Überschreiten der Projektionen, und drücken dieses
entstehende Bewußtsein schließlich im Körper aus. (von oben nach unten)
Sicherlich sind diese beiden Aspekte jetzt nicht immer so klar zu trennen. Wir werden immer
Mischformen antreffen.
Der Weg von unten nach oben ist jedoch mehr typisch für den klassischen Hatha Yoga,
auch für den Raja Yoga und die verschiedenen Pfade des Tantra. In gewisser Weise ist er auch der
Weg der Mystik, die durch Fasten und Askese den Körper und seine Vitalität zurückdrängt,
und damit das Bewußtsein freier macht, es exkarnieren läßt, um dadurch geistige Erfahrungen
zu bewirken.
Der Weg von oben nach unten findet sich in seiner deutlichsten Ausprägung vor allem in
der Anthroposophie Rudolf Steiners, im Yoga aus der Reinheit der Seele und in etwas anderer Form auch
im integralen Yoga Sri Aurobindos.
Betrachten wir nun einmal die Erweckung der Kundalini ausgehend von diesen beiden
Vorgehensweisen:
Wie sieht der Weg der Kundalini von unten nach oben und von oben nach unten aus?
Vielleicht wird für sie zuerst einmal der "Weg von oben nach unten " in Bezug auf die
Kundalini wie ein Widerspruch klingen. Gerade wenn wir an das Bild der dreieinhalbmal im Muladhara,
im untersten Zentrum zusammengerollten Schlange denken, dann werden wir uns wohl mit Recht fragen,
wie das möglich ist. Die Schlange ist doch offensichtich unten, und soll nach oben,
zum aufsteigen gebracht werden. Lassen sie mich auf dieses Bild aber später eingehen,
ich denke, daß sich die Widersprüche dann auflösen werden.
Beginnen wir mit dem klassischen Pfad. Ich werde diesen Weg hier nur in 5 Minuten
skizzieren, damit er uns zur Anschauung frei gegenübersteht. Also verzeihen sie mir, wenn ich
manches nur ein wenig "grob skizziere".
Die größte Bedeutung zur Erweckung der Kundalini hat auf den klassichen Pfaden und
vor allem in Hatha-Yoga, die Technik des Pranayama:
Pranayama ist die Kunst der Atemlenkung und der Zentrierung der Lebenskraft. Die Yogis,
welche sich im Hatha-Yoga übten, wußten sehr genau über das Geheimnis des Atems Bescheid.
Sie wußten, wenn sie lernen, den Atem zu lenken und zu steuern, dann ist es damit gleichzeitig
auch möglich das Wirken der Lebensenergie, des Prana, zu steuern und zu lenken.
Atem und Pranafließen stehen in einem engen Zusammenhang. Indem der Übende lernte,
zum Beispiel den Atem für eine Minute und länger anzuhalten, konnte er damit enorme
Energiemengen in den Körper zentrieren.
Wenn wir die Technik der Kundalinierweckung durch Pranayama ganz kurz zusammenfassen,
dann können wir sagen:
Das Ziel ist es, immer wieder Energie durch Atemanhalten
und Lenkung der dabei angesammelten Energie in den Bereich der unteren Wirbelsäule,
diese Kundalini zum Erwachen zu bringen.
Nach dem Erwachen der Kundalini ist es
dann ein längerer Prozeß, bei dem die Kundalini dann durch die einzelnen Zentren
nach oben geführt wird. Je nach der Qualität des jeweiligen Chakra müssen
bestimmte Widerstände überwunden werden, damit die Kundalnini durchbrechen kann.
Vollständig ist die Ereckung erst, wenn die Kundalnini am sahasrara Chakra, am Scheitelzentrum
angelangt ist.
Jeder der einmal Pranayama, die Kunst der Atembeherrschung des Raya und Hatha Yoga
praktiziert hat, kennt die starken Wirkungen, die davon auf das Bewußtsein und den Körper
entstehen können. Die Konzentrationsfähigkeit steigert sich enorm, das Schlafbedürfnis
sinkt, und die ganze Kraft zur Bewältigung großer Arbeitsleistungen nimmt zu.
Gleichzeitig entwickelt sich aber auch eine enorme Sensibilität im Bewußtsein,
die oft nicht einfach zu handhaben ist. Der schlichte Besuch einer Fußgängerzone in
einer belebten Großstadt kann mit einer solchen Sensibilität zu einer Tortur werden,
da die gesamte Fülle an Eindrücken viel intensiver erlebt wird, und damit auch verarbeitet
werden will.
Der klassische Yoga stellt daher auch Pranayama auch nicht an den Anfang des Weges,
sondern läßt die Befolgung der Yama und Niyama, Lebensregeln und ethischer Grundsätze,
sowie die Praxis von Yogaasana zur Reinigung und Stärkung des Körpers vorangehen,
damit die Veränderungen im Bewußtsein, die durch Pranayama bewirkt werden, auch integrierbar
sind.
Diese Reinigung wird im klassischen Yoga sehr eindrücklich betont. Swami Sivananda beschreibt
das in "Bliss Divine" sehr eindrucksvoll:
"Vor dem Erwecken der Kundalini muß man Deha Shuddhi, Nadi Shuddhi, Manas Shuddhi,
Buddhi Shuddhi, Bhuta Shuddhi und Adhara Shuddhi haben. Deha Shuddhi ist Reinheit des Körpers.
Nadi Shuddhi ist Reinheit der Astralkanäle. Manas Shuddhi ist Reinheit des Geistes. Buddhi
Shuddhi ist Reinheit des Verstandes. Bhuta Shuddhi ist Reinheit der Elemente. Adhara Shuddhi ist
Reinheit des Adhara. Wenn Shuddhi, Reinheit, vorhanden ist, kommt Siddhi, Vollkommenheit, von selbst.
Siddhi ist ohne Shuddhi nicht möglich."
Und weiter:
"Man sollte wunschlos werden und Vairagya (Leidenschaftslosigkeit) sein, bevor man den
Versuch unternimmt, die Kundalini zu erwecken. Wenn ein Mensch mit vielen Unreinheiten im Geist die
Shakti einfach nur gewaltsam durch Asanas, Pranayamas und Mudras erweckt, wird er sich
(im übertragenen Sinne) die Beine brechen und stürzen. Er wird die yogische Leiter
nicht erklimmen können. Das ist der Hauptgrund, warum Menschen vom Weg abkommen oder in
Probleme kommen. Am Yoga ist nichts falsch. Die Menschen müssen zuerst rein sein; dann eine
gründliche Kenntnis des Sadhana haben, einen richtigen Lehrer finden und beständig,
schrittweise praktizieren. Wenn die Kundalini erweckt wird, gibt es viele Versuchungen auf dem Weg,
und ein Sadhaka, der nicht rein ist, hat nicht die Kraft, Widerstand zu leisten."
Jetzte stellt sich die interessante Frage, warum diese Reinheit so wichtig ist.
Welche Vorgänge finden nun durch Pranayama konkret statt, so daß sie zu einer Gefahr
werden können?
Betrachtet man die Erfahrungsschilderungen von Personen,
bei denen die Kundalini durch Prananyama erweckt wurde, dann sieht man recht deutlich,
wie das plötzlich wie eine Urgewalt über das Bewußtsein und über
den Körper hereinbrechende Wirken der Kundalini meist nur unter größten
Schwierigkeiten unter Kontrolle gebracht werden kann.
Sehr ausführliche
Schilderungen über diese Phänomene finden sich z.B. in dem Buch von Bonnie Grennwell
über Kundalini, das auch im Tagungsprospekt aufgeführt wurde.
Etwas laienhaft vereinfacht psychologisch gesehen, könnte man vielleicht sagen,
daß eine Art Überschwemmung des Bewußtseins mit unterbewußten Inhalten eintritt.
Diese Inhalte können sehr unterschiedlicher Natur sein. Nicht immer sind es negative Erfahrungen.
Manchmal werden auch tiefe Trancezustände und Erleuchtungserfahrungen geschildert. Das ganze
Spektrum hier aufzuzählen, würde jetzt zu weit führen, aber sie können dies ja in
der Fachliteratur nachlesen.
Von beinahe allen großen Yogameistern, die ich kenne,
wird davor gewarnt, die Kräfte der Kundalini zu früh zum Eingreifen zu bringen.
Sie weisen auch mit Nachdruck darauf hin, daß die Zielsetzung des Schülers,
der diesen Weg geht, sehr aufrichtig und klar auf die Gottsuche gerichtet sein muß.
Wer nur nach persönlichen Zielen sucht, würde auf diesem Pfad scheitern, oder eben
verschiedenen Versuchungen erliegen, die vor allem darin liegen, daß die Kräfte der
Kundalini, die okkulte Kräfte sind und bestimmte siddhis, also übernatürliche
Fähigkeiten wachrufen können, zum eigenen Vorteil gebraucht werden und der Schüler
sich in durch seinen Egoismus letztendlich selbst zerstört.
Wir sehen also recht deutlich, wie der technische Vorgang der Kundalini-Ereckung
über Pranayama nicht allein ausschlaggebend ist. Auch die Stärke muß entwickelt
sein, um diese Kräfte richtig zu steuern und mit ihnen auch umzugehen
Diese Stärke ist nun aber eine Kraft des Geistes. Sie ist wohl vor allem auch die
Kraft der Nichtidentifikation mit den eigenen Gedanken, Stimmungen und den Körpergefühlen,
die Fähigkeit, sich selbst als Beobachter und Zuschauer gegenüberzustehen, und von dieser
Position aus das Leben zu steuern, und sich selbst letzten Endes zu erziehen. Solange
wir uns mit den eigenen Gedanken und Empfindungen, sowie den persönlichen Wünschen
identifizieren, ist es uns nicht möglich, einen wirklichen Standpunkt einzunehmen, von dem
aus wird unser eigenes Wesen betrachten und steuern können.
Diese Kraft können wir aber nur sehr bedingt durch Asana und Pranayama entwickeln,
sie entwickelt sich meiner Erfahrung nach viel mehr durch Meditation und Hinwendung an den ishta
devata, an die persönlich gewählte Form der Gottesverehrung, durch Seelenübungen
und Betrachtungen, wie diejenige, die ich vorhin mit ihnen gemacht habe und durch das Leben selbst,
das uns vielfach Schwierigkeiten, Krankheiten und Ungerechtigkeiten bringt, durch die wir jedoch
geläutert, und in unserem Ich stärker werden können.
Kräfte sind an sich neutral, ganz gleich ob es sich um die Kundalini, oder um die
Atomkraft handelt, also ob sie im Menschen oder außerhalb ihre Wirkung zeigen. Entscheidend ist,
ob der Mensch, der mit ihnen Umgeht, sie vom Standpunkt des Ego benutzt, um seine perönlichen
Ziele zu erreichen, oder ob er bereits fähig ist, einen Standpunkt einzunehmen, der
überpersönlich ist, also dem Höheren Ich, oder Selbst entspricht.
Kommen wir nun zu dem Weg von oben nach unten. Wie wird die Kundalini auf diesem Weg erweckt?
Wie ich bereits vorhin am Beispiel von trikonsana deutlich gemacht habe, beginnt dieser Weg
im Gedanken.
Ich muß hier etwas weiter ausholen, um ein Gesamtbild zu schaffen, da diese
Gedanken nur sehr wenig bisher in unsere Kultur, und auch in die Yogabestrebungen Einzug gefunden haben.
Nehmen wir dazu das Bild der Chakren, so wie wir es kennen.

Wir finden hier 7 Zentren. Das Herz, das 4. Zentrum ist die Mitte. Wir haben 3
untere Zentren, und 3 obere Zentren. Das Herz ist die Mitte und steht zwischen unten und oben,
zwischen Geist und Materie.
In dem Symbol für das herzznetrum finden wir zwei
sich durchdringende Dreiecke, die dies symbolisieren.
Der erste bedeutende Vorgang
auf diesem Weg von oben nach unten ist die Tatsache, daß das Herz in einem neuen,
in einem geistigen Licht zu leuchten beginnt. Im Herzen findet eine Art Neugeburt statt.
Wie dies nun genau geschieht, das kann ich in der Kürze der Zeit leider nicht
ausführlich schildern, aber zwei Dinge will ich nennen:
Im Herzen wird auch das Ich des Menschen lokalisiert. Dieses Ich soll nun weder zu sehr
irdisch, noch zu sehr geistig werden, es bezieht seine Position in der Mitte.
Weder Verhaftung an die Welt, noch Weltflucht sind für die Entwicklung des Herzens günstig.
Das Herz ist der Ort, in dem der Keim einer Synthese zwischen Welt und Geist gelegt ist, dieser
Keim soll sich entwickeln.
Diese Entwicklung geschieht hauptsächlich durch die innere Verbindung und Meditation,
die der Schüler knüpft zu einem Lehrer, zu der Seele eines Eingweihten.
Es kann sich dabei auch um einen Verstorbenen handeln, da dessen geistige Kapazität weiterwirkt.
Es könnte also auch Swami Sivananda sein, oder Ramakrishna sein, auf den wir uns ausrichten.
Damit das herz zur Entfaltung kommt, muß der Strom der Aufmerksamkeit von uns in einer
Beständigkeit hinübergerichtet sein, zu dem gewählten Lehrer.
Dieses Ich, oder die Individualität ist nicht unbedingt die äußere
Persönlichkeit oder ahamkara, sondern das innere Wesen des Menschen, der Jiva.
Dieses Ich legt sich nun neu an. Es beginnt zu leuchten.
Auf dieser Ebene der Entwicklung ist aber nur ein Keim gelegt für die weitere Verwirklichung.
Für die weiteren Schritte, muß sich das Ich aktiv zum Leben, zum Geist und zur Materie
hin in Beziehung bringen. Die Kräfte, mit deren Hilfe sich das Ich in Beziehung bringen kann,
sind die drei Seelenkräfte:
Das Denken, das Fühlen und Empfinden, und der Wille.
Der ganze Entwicklungsweg besteht darin, daß dieses Ich diese drei Seelenkräfte
umgestaltet und ergreift, sie von ihrer Subjektivität in eine größere Objektivität
umwandelt.
Wir unterscheiden in diesem Weg von oben nach unten drei Stufen:

Imagination ist das Erwachen des Manas oder anthroposophisch ausgedrückt, des Geistselbst.
Es schließt sich damit symbolisch ein Kreis zwischen 5. und 3. Zentrum.
Dies findet nicht nur als ein Energiewirken im Menschen statt, sondern der Engel beginnt im
Menschen und durch den Menschen zu strahlen. Dies bemerkt die Umgabung.
Wenn man einen solchen Menschen, der diese Imagination entwickelt hat, begegnet,
ihn bewußt wahrnimmt, dann wird man dieses feine Licht, das ihn begleitet, durchaus bemerken.
Es hat dies auch eine Wirkung auf die Umgebung. Diese Wirkung ist nun durchaus nicht spektakulär,
aber es ist doch so, daß alle die in die Nähe dieses Menschen kommen, die mit ihm in Beziehung
treten, ein wenig von diesem Licht aufnehmen.
Kommen wir nun zur Inspiration. Ich bitte Sie um Verständnis, wenn ich diese und die
Folgende Stufe nun nur mehr in ganz leichten Ansätzen aus der eignen Erfahrung beschreiben kann.
Während ich die Imagination in den letzten Jahren nun in ihrem Grundprinzip kennenlernen durfte,
sind mir die beiden folgenden Stufen nur mehr aus den Beschreibungen des Weges bei Rudolf Steiner und
bei Heinz grill bekannt. Ich möchte aber trotzdem versuchen, ihnen diese Stufen zu schildern,
soweit mir dies möglich ist, damit sie als Gesamtes vor ihnen stehen.
Die nächste Stufe, die Inspiration ist dadurch gekennzeichnet, daß wir mit diesen
Gedanken leben lernen. Wir beginnen im Gedanken zu leben. Wir erkennen die Seele im Gedanken und unsere
Empfindungen werden verwandelt zu einem umfassenden Wahrheitsempfinden.
Es ist so leicht dahin gesagt, aber wir müssen uns einmal lebendig vorstellen, was
das eigentlich heißt. Rudolf Steiner beschreibt die Inspiration so, daß er sagt,
die Dinge beginnen zu tönen, zu sprechen, zu klingen. Das in den Dingen in den Erscheinungen
der Welt geoffenbarte Geistige, beginnt für den Suchenden zu erklingen, seine weisheitsvollen
Gesetze zu offenbaren. Die weisheitsvollen Gesetze der Schöpfung erschließen sich in ihrer
ganzen Fülle der inneren Schau. Man bezeichnete diese Stufe auch als diejenige der Gnosis,
der weisheitsvollen Erkenntnis. Auf dieser Stufe scheint es möglich zu sein, die tiefsten
Zusammenhänge der Schöpfung zu erfassen. Die Wirkung auf die Umgebung steigert sich auf
dieser Stufe wieder auf sehr deutlich bemerkbare Weise. Die befreiende und erleuchtende Wirkung auf
die Menschen steigert sich.

Es schließt sich ein weiterer Kreis zwischen 6. und 2. Zentrum.
Dies entpricht Buddhi, oder in anthroposophischen Begriffen dem Lebensgeist.
Die weitere Stufe der Intuition ist ein letzter Schritt, in dem der Schüler mit dem Gedanken
eins wird. Dieses Einswerden mit dem Gedanken löst alle bisher noch bestehenden Trennungen auf,
und es entsteht die vollkommene Einheit mit dem Geist und der Übende erlebt seine eigne Identität
in diesem. Er steht nicht mehr dem Gedanken wahrnehmend oder empfinden gegenüber, sondern erlebt
seine Identität mit dem Gedanken.
"Aham Brahman", "Ich bin Brahman"
Auf dieser Stufe tritt eine vollkommene Einheit des Willens mit dem Willen in der Schöpfung
ein, so daß dieser Mensch völlig im Einklang mit der göttlichen Ordnung steht.

Es entspricht dies Atman oder dem Geistesmenschen.
Ich bitte Sie diesen Punkt sehr genau zu beachten:
Die Entwicklung ist nicht etwas, das nur als ein Verwandlungsvorgang in der Person stattfindet.
Nicht die bekannte Persönlichkeit, das gewöhnliche Ich entwickelt sich in immer weitere Höhen,
sondern ein Geistiges Ich senkt sich zuerst in das Herz und beginnt, dann einen Kreis nach dem anderen zu
entfalten. Ein Selbst verwirklicht sich im Menschen, und beginnt durch den Menschen in immer größerer
Dimension wirksam zu werden.
Wir haben hier also die Verbindung vom untersten Zentrum zum obersten Zentrum.
Auf dieser Ebene erwacht auch die Kraft der Kundalini, die eine gewaltige Wirkung auf die gesamte
Umgebung entfaltet. Diese Wirkung ist sehr deutlich spürbar.
Ein Mensch, der diesen 3. Kreis geschlossen hat, strahlt höchste Spiritualität
auf seine Umgebung aus, und wirkt direkt erlösend, befreiend auf seine Umgebung. Die Kundalini
wirkt wie eine Energie, die fähig ist, alles in der Umgebung dieses Menschen zum Leuchten zu bringen.
Diese Wirkung zeigt sich unmittelbar auf das Bewußtsein der Menschen, die ihn umgeben.
Dies kann man zum Beispiel in einem Darshan, in einer Begegnung mit einem solchen Menschen ganz deutlich
bemerken.
Die innerste seelische Qualität, der im Darshan anwesenden Menschen wird angesprochen,
so daß sich dieses Seelische wie getragen erlebt, von der Kraft des Eingeweihten, der die Stufe der
Intuition verwirklicht hat.
Jeder, der sich längere Zeit in der Umgebung eines solchen Verwirklichten aufhält,
wird dieses Licht zu einem gewissen Grad in sich aufnehmen, und es wird auch in diesem Menschen zu strahlen
beginnen.
Allerdings regt sich mit diesem Wirken auch der Widerstand, in den Menschen, die
dieses Licht nicht annehmen können. Ein solches geistiges Wirken beginnt alle bisher bestehenden
Denk- und Gefühlsmuster in Frage zu stellen. Nicht alle Menschen sind bereit, diese Kraft
anzuerkennen.
So ergibt sich im Umfeld eines auf dieser Stufe eingeweihten Menschen oft eine Polarisierung,
eine Spaltung:
Einige fühlen sich zutiefst angezogen und berührt von dem Eingeweihten, andere
beginnen, gegen diese Person Einwände zu erheben oder sie direkt zu bekämpfen.
Wenn wir die Entwicklung als ganzes betrachten, dann sehen wir:
Schrittweise wird die Verhaftung an ein Ich, an eine äußere Persönlichkeit,
an den ahamkara aufgelöst:
Imagination - Persönliches, subjektives Denken wird zum Weltgedanken
Inspiration - Von persönlicher Sympathie und Antipathie abhängiges Fühlen
wird zum Weltempfinden
Intuition - Eigenwille und persönliche Suche nach Lebensglück
wird zur Hingabe an den Weltenwillen
Die Seelenkräfte sind vollständig geeint mit dem Leben.
Fassen wir wieder zusammen:
Wir haben zwei Bilder betrachtet. Den Weg von unten nach oben, und den Weg von oben nach unten.
Wir haben damit gesehen:
Wir können die Kundalini über eine Technik erwecken. Dann müssen wir aber auch
unbedingt sehen, daß die Entwicklung der Individualität damit Schritt hält. Der
Technische Prozeß kann den Vorgang der Verwirklichung nicht ersetzen. Diese Unterscheidung
ist meines Erachtens sehr wichtig.
Der zweite Weg, von oben nach unten setzt nicht
in der Energierweckung an sondern in der Stufenweisen Entfaltung der Seelischen und Geistigen
Kapazität des Menschen. Die Energien und Kräfte der verschiedenen Zentren entfalten sich auf
diesem Weg ganz von selbst, und werden geschenkt, wenn die Reife dazu gegeben ist.
Indem sich das Bewußtsein mit Imaginationen, mit Inspriarationen aus der geistigen
Welt wiederholt beschäftigt, deren Licht in sich aufnimmt, und damit immer mehr von den
sujektiven Denk und Empfindunsgmustern, vom ahamkara weggkommt, wird die vitale, oder
unterbewußte Ebene unseres Wesens durch das Licht des Bewußtseins und ganz
von selbst immer mehr gereinigt, und die Energien, wie etwa die Kundalnini kommen zur Wirksamkeit.
Dieser Weg benutzt in diesem Sinne keine Techniken, sondern geht ganz von der Individualität
aus, die sich immer mehr mit dem Leben vereinigt, bis sie schließlich zum Leben selbst wird.
Unterschiede in Ost und West
Wir kommen damit abschließend zu einen Punkt, den ich für das Verständnis
der Kundalini-sakti als sehr wichtig ansehe:
Das Bild der von unten nach oben aufsteigenden Schlange kommt aus einer völlig anderen
Kultur und einer anderen Zeit. Ich denke, daß es zu der Zeit seiner Entstehung, und von einem
indischen Gemüt ganz anders aufgefaßt wurde, als von uns heute.
Schon C.G. Jung hat in seinen Vorträgen immer wieder auf die Schwierigkeit
hingewiesen, daß die östliche Mentalität völlig anders ist, als die westliche.
Er ging sogar soweit, zu sagen, daß östliche Bilder und Symbole für das westliche
Bewußtsein unter Umständen eine Art Vergiftung bedeuten können.
Wir müssen das natürlich differenziert betrachten, und können nicht pauschal
sagen: "alles östliche ist für uns nicht gut, wir beschäftigen uns nicht mehr
mit Yoga."
Mir erscheint es jedoch außerordentlich wichtig, bei der Betrachtung
gerade so eines Bildes, wie dem der Kundalini sakti, dieser mentalen Unterschiede in Ost und West
bewußt zu bleiben.
Was bedeutet das nun konkret für unsere Betrachtungen?
Nun, stellen wir uns nur einmal das indische Bewußtsein vor.
Wie sieht der östliche Mensch die Welt, und speziell wie wirkt auf ihn das Bild der
aufsteigenden Schlange?
Das östliche Bewußtsein zeichnet sich viel stärker dadurch aus, daß
es sich stärker eingeordnet und verbunden fühlt mit der Welt, ja auch mit der Gemeinschaft,
der Familie, der Natur. Es ist nicht in diese Maße wie im Westen ein Bewußtsein der
Trennung von Ich und Natur, von Ich und Du, von Ich und Gott oder Geist. Das Bewußtsein ist viel
stärker von einem Einheitsempfinden geprägt.
Wir im Westen empfinden viel stärker unser Ich, und empfinden dadurch auch viel
stärker unser Getrenntsein. Wir fühlen uns getrennt vom Anderen, getrennt von der Natur,
und getrennt vom Geist.
Wenn wir von diesen Grundkonditionen ausgehen, werden sehen wir ganz deutlich, daß das Bild
der aufsteigenden Schlange auf den Europäer ganz anders wirkt, ja wirken muß.
Er wird darin einen Prozeß sehen, der ihn aus dem Getrenntsein in die Einheit erhebt.
Er wird sich sagen:
"Wenn es mir gelingt, die Übungen des Kundalini-Yoga richtig auszuführen,
wird diese Schlange erweckt, über die Zentren hochgeführt, und ich gelange dadurch in
ein Einheitsbewußtsein."
Wir treten damit diesem Bild aus einem ganz technisch-mechanistisch geprägten
Verständnis gegenüber und sehen damit in ihr mehr eine Verwirklichungstechnik.
Spiritualität wird dadurch in einer gewissen Weise "technisch machbar". Der
Europäer nähert sich der Kundalini mit dem Willen. Er kommt damit unwillkürlich in
die Versuchung, sie ergreifen zu wollen, sich mit ihrer Energie und Mithilfe zur Spiritualität
zu erheben.
Gerne wir dabei der Stellenwert der Vorbereitung, eben der Reinheit, vergessen,
oder nicht wichtig genug genommen. Auch vergessen wir dabei, daß die Spiritualität
nicht willentlich über Übungen ereichbar ist.
Die Spiritualität liegt meiner Erfahrung nach im Ich, oder in der Individualität
des Menschen selbst, und kommt in dem Maße zur Entfaltung, in dem der Mensch
dieses Ich, dieses freie geistige Wesensglied, oder, "den Gott in uns",den schöpferichen
Wesensanteil in uns gebrauchen lernt. Indem dieses Ich tätig wird, die Seelenkräfte des Denkens,
Fühlens und Wollen durchgestaltet, in dem Maße lebt in uns Spiritualität.
Im östlichen Bewußtsein erscheint die Schlangenkraft aber viel mehr als eine
verehrungswürdige Göttin, als die göttliche Mutter, die angerufen wird und der man
sich nur in äußerster Scheu nähert. Das indische Denken käme gar nicht auf den
Gedanken, den Kundalini-Yoga als einen technischen Weg zu begreifen Es denkt gar nicht technisch,
willensbetont . Das Bild der Kundalini sakti bleibt vielmehr als ein Bild, das frei in Gedanken und
Empfindungen lebt, und das nicht aus einem persönlichen und noch ungeläuterten Willen ergriffen wird.
Wenn wir uns vorstellen, wie der Inder zu der "göttlichen" in Verehrung aufschaut,
oder zumindest früher, heute ist ja Indien sehr europäisiert, aufgeschaut hat, dann
sehen wir, wie er ganz anders an die Kundalini heranging.
Es ist ein großer Unterschied, ob ich in der Kundalini "nur" eine Energie sehe,
die eben die Verwirklichung ermöglicht, oder ob ich durch eine tiefe innere Wahrnehmung dieser
gewaltigen Dimension, der schöpferischen Kraft der sakti selbst geleitet bin.
Bernhard Spirkl
