Der Artikel erschien im April 99 im CONNECTION-Sonderheft "Der Atem"
Der Atem hat auf den verschiedenen Pfaden des Yoga von jeher eine bedeutende Rolle gespielt. Das deutsche Wort "Atem"
hat eine enge sprachliche Verwandtschaft mit dem Sanskritbegriff "Atman", der gerne als "Selbst" oder "Weltseele"
übersetzt wird, und im Yoga auch als die höchste Verwirklichungsstufe gilt, die ein Mensch in seiner Entwicklung erreichen
kann.
Pranayama setzt sich zusammen aus den Begriffen Prana (Lebenskraft) und Yama (Kontrolle, Steuerung),
bedeutet also wörtlich soviel wie "Kontrolle der Lebenskraft". Prana ist die indische Bezeichnung für die universale
Lebensenergie, die alles Leben auf der Erde erhält und durchdringt. Auch im menschlichen Körper fließt diese
Energie beständig. Vom freien Fließen der Lebensenergie ist es zum größten Teil abhängig, in welchem körperlichen
und seelischen Zustand wir uns befinden. So war es für die Yogis, vor allem im körperorientierten System des
Hatha-Yoga von großem Interesse, die Lebenskraft unter ihre Kontrolle zu bringen. Dazu bediente man sich unter
anderem der Atemübungen des Pranayama.
Es gibt sehr vielfältige Atemübungen im Hatha-Yoga. Alle zielen darauf ab, den Atemstrom zu kontrollieren und ihn nach genau vorgegebenen Regeln zu
rhythmisieren. Zum Beispiel wird 5 Sekunden eingeatmet (purakam), zwanzig Sekunden der Atem angehalten (kumbhakam) und zehn Sekunden ausgeatmet (rechakam). Dieser Rhythmus wird bis zu einer halben Stunde wiederholt.
Diese Übung wird als "Nadi Shodana Pranayama" bezeichnet. Das bedeutet soviel wie "Reinigung der Nadis". Die Nadis sind die feinstofflichen
Energiekanäle, durch die nach der Yogaphilosophie die Lebensenergie fließt. Pranayama soll in den den ersten Phasen eine Reinigung dieser Kanäle herbeiführen. Die Nadis stehen in einem sehr engen Zusammenhang mit den
Nervengeflechten des vegetativen Nervensystems, das nach Aussagen der Yoga-Wissenschaft die gesamten vergangenen Eindrücke und Erfahrungen des
gegenwärtigen und auch früherer Leben beinhaltet. So erklärt sich zum Beispiel die Wirksamkeit der heute als "Rebirthing" bekannten Techniken. Dabei werden,
diese gleichsam "aufgespeicherten" Erfahrungen erneut ins Bewußtsein gehoben und durchlebt.
Eine weitere Reinigungsübung ist beispielsweise Kapalabhati. Dabei wird 20-30
mal stoßweise ausgeatmet und dann, nach einer tiefen Einatmung die Luft 1-3 Minuten angehalten. Kapalabahti bedeutet wörtlich "Scheinender Schädel" und
bezeichnet damit sehr genau das Empfinden nach der Übung, denn man fühlt sich nach der Ausführung geklärt und in seiner Konzentrationsfähigkeit erfrischt.
überhaupt ist es interessant, den subjektiven Eindruck nach der Ausführung von Pranayama einmal genauer zu betrachten. Während Pranayama ist es üblich die
Augen zu schließen, was schon im äußeren Erscheinungsbild die starke Introversion andeutet, die durch Pranayama entsteht. Der psychische Innenraum scheint sich mehr abzuschließen und kompakter und klarer zu werden. Die
Außenwelt wird nach Pranayama viel mehr als vorher als ein "Außen" erlebt. Gleichzeitig steigt die Sensibilität und Wahrnehmungsfähigkeit für feine
Strömungen und Gedanken enorm. So ist es durchaus möglich, daß nach Pranayama die Gedanken und Gefühle eines anderen Menschen viel unmittelbarer und direkter wahrgenommen werden. Der Übende fühlt sich damit
zunehmend ungeschützt und nackt und verliert die vielleicht vorher vorhandene Robustheit gegenüber äußeren Eindrücken und Stimmungen. Dadurch wird es für
ihn schwerer, auf seine Umwelt weiterhin in der gewohnten Weise zuzugehen.
Charakterstärke ist notwendig
Die für das sensibilisierte Nervensystem zunehmend als laut und unangenehm empfundenen Eindrücke lassen eine starke Sehnsucht nach einer stärkeren
Introversion und Weltabwendung entstehen. Damit dadurch keine psychischen Konflikte ausgelöst werden, muß nun der Übende die Fähigkeit ausprägen, dieser Sehnsucht gezielt entgegen zu steuern und auf sinnvolle Weise die
Kommunikation und den Kontakt zu den Mitmenschen zu suchen und zu gestalten. Diese Anforderung läßt es sinnvoll erscheinen, daß Pranayama nur
dann Anwendung findet, wenn das Leben in allen Bereichen gut geordnet ist, und eine klare Übersicht und Urteilsfähigkeit zu den Umständen des Lebens gegeben
ist. Es werden durch das Üben zwar die feinstofflichen Energien neu geordnet und zentriert, jedoch bleiben die innersten Charaktereigenschaften bestehen.
Man sollte sich vergegenwärtigen, daß Pranayama nur eine Technik ist, mit deren Hilfe das feinstoffliche System des Körpers verändert wird. Die innnerste
Haltung und der Charakter existieren auf einer anderen Ebene, und benötigen parallel Zur Übungspraxis eine Läuterung oder Katharsis. Wer also ohne
Pranayama bereits mit seelischer Labilität zu kämpfen hat, muß damit rechnen, daß diese Probleme durch Pranayama nicht gelöst werden, sondern durch diese
Arbeit mit Energien meist auf eine subtilere Ebene gehoben werden und sich dort sogar noch verfestigen können. Es kann dann zwar sein, daß die Problematiken
scheinbar verschwunden sind, jedoch zeigt die Beobachtung, daß sie sich meist nur verlagert haben. Ich konnte im Bekanntenkreis mehrmals mitverfolgen, wie
Menschen die Pranayama übten mit den durch Pranayama erweckten Energien nicht mehr zurechtgekommen sind. Obwohl meist eine anfängliche Euphorie über
die neu gewonnene körperlichen und geistigen Kräfte vorausging, entwickelte sich in der Folge bei vielen ein enormes Spannungsfeld, da die Sehnsucht nach
geistigen Erfahrungen sehr viel größer war als die Fähigkeit, diese Erfahrungen auf sinnvolle Weise in das Leben zu integrieren.
Im klassischen Yoga gingen der Stufe des Pranayama daher Stufen der ethischen Läuterung voraus. Im Raja-Yoga zum Beispiel, dem im Westen wohl bekanntesten Yogasystem, einem sehr klar in acht Stufen gegliederten Weg, nimmt Pranayama die vierte Stufe ein. Die ersten drei Stufen bestehen im befolgen ethischer und moralischer Regeln, dem regelmäßigen Studium der heiligen Schriften, der Verehrung eines persönlichen Gottesideals sowie im Üben von Asana, den Körperübungen des Yoga. Darüber hinaus kannte der klassische Yoga nur die Lehrvermittlung in direkter Weise vom Lehrer zum Schüler, der Schüler mußte seinem Lehrer absoluten Gehorsam leisten und wurde erst dann vom Lehrer in die Geheimnisse der Atemschulung eingeweiht, wenn er für reif befunden wurde.
Folgt man den Aussagen von Kennern der Yoga-Wisssenschaft, so hatte
Pranayama in den klassischen Systemen des Yoga eine sehr weitreichende Bedeutung. Pranayama verändert das Verhältnis von Körper und Bewußtsein.
Das Bewußtsein wird in einem hohen Maße aus dem Körper "herausgehoben", es exkarniert. Ist dieser Schritt einmal vollzogen, ist er nur sehr schwer wieder rückgängig zu machen.
Prinzipiell geschieht dieses Exkarnieren bei jeder Form der geistigen Übung, und ist für den Fortschritt in gewisser Weise auch notwendig, weil es erst dadurch
möglich ist in eine Wahrnehmung der seelisch-geistigen Dimension des Lebens zu gelangen. Allerdings ist es von großer Bedeutung, wie diese Exkarnation
geschieht. Einmal ist es möglich, sie durch eine Technik hervorzurufen, wobei Pranayama hier sicherlich eine der wirksamsten und schnellsten Methoden sein
dürfte. Es gibt aber auch "sanftere" Methoden, bei denen das Bewußtsein durch einen langsamen eigenaktiven Schulungsprozeß der Gedanken- und
Empfindungskräfte Schritt für Schritt freier wird. Diese Methoden werden zum Beispiel in den "Seelenübungen" der Anthroposophie angewandt und haben den
Vorteil, daß sie durch ihre Art und ihren Aufbau eine Charakterschulung in sich tragen. Rudolf Steiner hat in seinem Buch "Wie erlangt man Erkenntnisse
höherer Welten?" die "goldene Regel" der wahren Geheimwissenschaft folgendermaßen formuliert: "Wenn du einen Schritt vorwärts zu machen
versuchst in der Erkenntnis geheimer Wahrheiten, so mache zugleich drei vorwärts in der Vervollkommnung deines Charakters zum Guten."
Ganz praktisch hat die Exkarnation des Bewußtseins die Auswirkung, daß die
Selbstverständlichkeit, mit der das Leben bis zu diesem Zeitpunkt vielleicht "funktioniert" hat, plötzlich nicht mehr gegeben ist. Nach der Yoga-Philosophie
besteht nämlich eine normalerweise unbewußte Führung und Lenkung jedes Menschen im Leben. Man wird an bestimmte Punkte im Leben geführt, entscheidet sich für einen bestimmten Beruf, oder steht in einer bestimmten
Familienstruktur. Alle diese Schicksalswendungen entspringen nach Aussagen des Yoga einem Zusammenwirken der früheren karmischen Einflüsse und sind
daher noch nicht wirklich von einer selbstbestimmten Bewußtheit getragen.
Durch die Reinigung der Nadis, wie bei Nadi Sodhana Pranayama, tritt diese
autonome Steuerung immer mehr in den Hintergrund und es entsteht ein weitaus höheres Maß an individueller Freiheit und eine erste tatsächliche Selbstbestimmung. Diese Freiheit im Sinne der seelisch-geistigen Gesetze
richtig zu nutzen und sie nicht (bewußt oder unbewußt) zu mißbrauchen stellt eine große Anforderung dar, und ist nur zu bewältigen, wenn das Bewußtsein
durch eine lange Vorbereitung bereits die Gesetzmäßigkeiten des geistigen Lebens erfassen kann und bereit ist, sich mit Verantwortung und Hingabe in diese Gesetze einzuordnen.
Gerade bei einer östlichen Übungsweise, wie dem Yoga, der aus einem ganz anderen kulturellen Kontext stammt, stellt sich immer die Frage, ob die Übungen,
die für ganz bestimmte Menschen innerhalb einer ganz bestimmten Zeit und einem speziellen Lebensumfeld konzipiert waren, nun ganz einfach auf unsere
Kultur- und Lebensumstände zu übertragen sind. Daß unsere Kultur ganz andere Lebensumstände mit sich bringt, wie die des alten Indien, ist für jeden
offensichtlich. Besonders der im Yoga so sehr betonte Lebensrückzug und die strenge Askese scheint für den modernen Menschen nicht mehr als geeignet
oder erstrebenswert. Auch die im klassischen Yoga übliche Unterwerfung des Schülers unter den Willen des Lehrers ist unter unseren kulturellen Umständen nicht mehr sinnvoll.
Während des 20. Jahrhunderts entstanden eine Reihe von Reformbewegungen im Yoga, die diese Unterschiede berücksichtigen und den Yoga damit auch für
unsere heutige Zeit und veränderte Ausgangsposition gangbar machen wollen. Besonders Sri Aurobindo (1872 -1950), der Begründer des integralen Yoga, wies
immer wieder darauf hin, wie ein "moderner" Yoga nicht allein die Befreiung (moksha) des Individuums suche, sondern vor allem auch die Integration der
Erfahrungen in das Leben und die Durchgeistigung des Bewußtseins und des Körpers. Neben Sri Aurobindo der in Indien lebte und wirkte, gewinnt heute der
noch weitgehend unbekannte "Yoga aus der Reinheit der Seele" von Heinz Grill (geb. 1960) zunehmend an Bedeutung. Dieser Yogaweg strebt die Synthese von geistigem und weltlichem Leben an.
Die folgenden Ausführungen über den freien Atem stützen sich auf Erkenntnisse dieses Yogaweges, und sollen zeigen wie heute Atemübungen auf eine sinnvolle
Weise zur Anwendung gelangen können. Die Grundlagen zu dieser "freien Atemschulung" wurden von Heinz Grill in seinem Buch "Harmonie im Atmen" niedergelegt.
Für einen geschulten Blick ist es sehr deutlich sichtbar, wie heute eigentlich so gut wie jeder Mensch Blockaden und Verspannungen in seiner Atemmuskulatur
aufweist. Die Atembewegung, die eigentlich autonom und harmonisch durch das Vegetativum gesteuert werden sollte, wird mehr oder weniger deutlich in ihrem
Bewegungsspiel gestört. Viele Menschen suchen heute Yogakurse auf, weil sie unter Schwierigkeiten mit den autonomen Prozessen der Atmung leiden und sich
vom Yoga eine Besserung erhoffen. Es zeigt sich, daß die rhythmischen des Körpers bei immer mehr Menschen aus dem Gleichgewicht geraten und ernste gesundheitliche Folgen auftreten.
Zum besseren Verständnis hierzu, kann man sich die unterschiedlichen Funktionen von vegetativem Nervensystem auf der einen Seite und vom Zentralnervensystem auf der anderen Seite einmal vergegenwärtigen.
Das vegetative Nervensystem steuert die autonomen, rhythmischen Prozesse im Körper wie etwa den Herzschlag und die Verdauung. Es sind dies Abläufe die im
Normalfall nicht in unser Bewußtsein dringen bzw. auch autonom, ohne unsere bewußte Aufmerksamkeit funktionieren. Normalerweise ist es uns nicht möglich,
zum Beispiel den Herzschlag willentlich zu verlangsamen. Die Vorgänge im zentralen Nervensystem unterliegen dagegen unserem Bewußtsein und können von uns auch willentlich beeinflußt werden. Es ist uns möglich, unsere
Bewegungen, unsere Sprache und unsere Gedanken und Empfindungen bewußt und willentlich zu steuern.
Der Atem nimmt hier eine interessante Mittelstellung ein, da er einerseits
autonom gesteuert wird, es aber andererseits auch möglich ist, wie beim Pranayama willentlich den Rhythmus zu verändern.
Meiner Erfahrung nach lassen sich die häufigen Störungen und Blockaden in der Atmung relativ leicht lösen, indem das zentrale Nervensystem also das gewöhnliche Wachbewußtsein durch eine Schulung der Gedanken- und
Empfindungskraft gestärkt wird. Der praktische Ansatz zur Heilung erfolgt also über das der bewußten Steuerung unterliegende zentrale Nervensystem und
nicht über einen direkten Eingriff in das Vegetativum wie beim Pranayama.
Durch geeignete Gedanken und Empfindungen zum Atem, schafft der Übende
sich eine bewußte seelische Beziehung zum Atem. Der Atem wird innerlich neu erlebt, was eine Neuorientierung des Bewußtseins zur Folge hat. Diese etwas
ungewöhnlich erscheinende Vorgehensweise kann in ihrer Wirkung vielleicht durch eine kleine Betrachtung etwas verdeutlicht werden:
Bewußtseinsunterschiede
Stellen wir uns einmal die Situation einer Atemschulung in der Zeit des klassischen Yoga vor.
Die Kultur Indiens war, besonders in früheren Jahrhunderten, noch viel mehr
geprägt von einem tieferen Wissen und einer Ahnung über das Wesen der Dinge. Wer mit einer Atemschulung begonnen hat, wußte damals noch in seinem Herzen von der hohen Bedeutung der kosmischen Rhythmen. So war das
Empfinden zu den Rhythmen der Natur ein mehr heiliges Empfinden. Ein höherer Wille, eine schöpferische Kraft drückte sich in den Bewegungen der Gestirne, im
Wechsel der Tageszeiten aus. Gerade die alte vedische Kultur mit ihren vielen Opferriten fügte sich ganz in die Rhythmen der Natur hinein. Auch die Rhythmen
des menschlichen Körpers empfand das indische Bewußtsein mehr als kosmische Rhythmen eines Mikrokosmos, der die Rhythmen des Sternenhimmels widerspiegelt. Dieses Bewußtsein des eigenen
Eingebundenseins, bzw. des Verbundenseins mit dem Leben und Kosmos steht uns heute nicht mehr so ohne weiteres zur Verfügung. Dies hat beispielsweise
die Konsequenz daß wir uns viel mehr als Einzelwesen fühlen und die innere Verbindung mit unseren Mitmenschen und der Natur nur noch sehr selten empfinden.Unsere Beziehung zum Leben ist damit eine andere geworden. Die
innere Fülle dieser Zeiten und die feine Verehrung für das Leben und die geistigen Kräfte die es erhalten und formen ist uns verlorengegangen und wir
stehen heute, wenn auch vielleicht unbewußt, viel mehr als Suchende und Sehnende nach dieser geistigen Verbindung im Leben. Unsere heutige Bewußtseinsverfassung trägt daher in sich eine leise Angst und ein
Getriebensein, das mit vielerlei Kompensationsmechanismen übertönt wird. Unter anderem führt diese Angst zu einem unbewußten Zugreifen auf den Atem und zu einer Fixierung im Bewegungsleben.
Wir haben jedoch heute die schöne Möglichkeit, dieses kosmische Bewußtsein, das damals noch auf unbewußte Weise natürlich gegeben war, durch eigene
seelische Aktivität wieder in Ansätzen neu und diesmal vollbewußt zu erarbeiten. Ein solches neu geschaffenes Bewußtsein, in dem erneut die feinen Kräfte der
Achtsamkeit und Verehrung vor dem Leben erwachen, hat eine ungeahnte Heilwirkung auf den Körper. Das vegetative Nervensystem wird über die neue Einordnung des Bewußtseins harmonisiert.
Die freie Atemschulung beginnt vor allem mit tieferen Gedanken und Empfindungen zum Atem, sowie mit praktischen Übungen, die eigene Beobachtungen zum Atem anregen sollen.
Die praktischen Übungen sind sehr einfacher Natur und sind, mit eventuellen Abwandlungen, für jedes Alter geeignet. Um einmal ein Beispiel zur Vorgehensweise zu geben, sei eine einfache Beobachtungsübung geschildert:
n einer stehenden Position werden die Arme langsam seitlich emporgehoben. Die Lungen werden dabei willentlich mit etwas Druck gefüllt. Beim senken der
Arme wird die Luft wieder herausgepreßt. Dabei entsteht in der Empfindung ein Eindruck, der sich mit dem Betätigen eines Blasebalgs vergleichen läßt. Führt
man die Übung mehrmals aus entsteht eine gewisse energetischen Aufladung und Vitalisierung.
Vergleichen wir nun das Empfinden mit einer anderen Übung: Die körperliche
Ausführung bleibt gleich, doch wird der Atem nicht willentlich geführt, sondern man läßt ihn mehr gewähren und beobachtet wie er beim heben er Arme sanft in
den Lungenraum einströmt und beim senken der Arme wieder austritt. Die Atmung wird dabei sehr viel weicher und feiner erlebt und zugleich entsteht eine
zarte Weite und Beobachtungskraft im Bewußtsein, die ein ganz anderes Empfinden zum Atem entstehen läßt, als bei der willentlichen Führung.
Schwindet durch solche Beobachtungen die sehr grobe und materialistische Vorstellung vom Atem als einem bloßen physiologischen Pumpvorgang, so
eröffnet sich damit ein weiteres Bewußtsein zu den tieferen Vorgängen, die mit dem Atem in Verbindung stehen.
Die bestehende Spannung und Disharmonie im Atem wird durch eine
Sensibilisierung der Wahrnehmung und durch geeignete Übungen und Gedanken also erst einmal bemerkt. Der Schüler spürt gerade zu Beginn seiner Übungspraxis sehr deutlich wie der Atem eigentlich immer an die Bewegung
gekoppelt ist. Er bemerkt mit leisem Schmerz, daß er eigentlich den Atem auf sehr feine unbewußte Weise festhält.
Zur Beobachtung des Atems beim Üben kommt nun als weitere Aktivität die
gezielte und konzentrierte gedankliche Beschäftigung mit dem Atem. Weite Gedanken über die kosmische Weite der Atmung führen aus diesem Festhalten auf wunderbare Weise heraus. Um einmal ein Beispiel zu nehmen, das dem
oben erwähnten Buch entnommen ist:
"Je mehr man auf die Atmung horcht, desto mehr spürt man in ihr den Hauch des Seelischen. Die Atmung kann nicht in reiner Körperphysiologie verstanden
werden. An das äußere Bild ist ein seelisch-geistiger Impuls geknüpft. Nicht als Mensch bestimmen wir die Atmung, sondern sie bestimmt uns. Tauchen wir mit
dem Bewußtsein über die äußere Grenze hinweg in die stille Welt des Lebendigen, so erfahren wir Dankbarkeit. Wir empfinden Leben, unsere Zellen
atmen, sie nehmen die Sphäre in sich auf, sind ständig in Bewegung. In uns lebt Größeres. Das kosmische Reich ist uns einverleibt und die Atmung zeigt das Lebendige."
Die Worte tragen eine feine Kraft und Stimmung der Meditation, einen seelischen Gehalt in sich und haben daher das Vermögen, das Denken zu weiten und den
Atem zu befreien. Sie dienen als Meditationsinhalte für den Übenden in der freien Atemschulung.
Der Atem wird durch eine derartige Praxis immer mehr in seiner eigentlichen Weite und Unabhängigkeit vom Körper empfunden, was eine innere Anerkennung
des Atems zur Folge hat Er wird als eine Kraft erlebt, die die eigene Person weit übersteigt. Atemblockaden und Rhythmusstörungen schwinden mit dieser neu
entstehenden inneren Haltung auf faszinierende Weise, und der Atem erhält, ganz von selbst eine feinere, freiere und unberührte Note. Weiterhin zeigt die
Erfahrung , daß die Bewegungsmöglichkeiten des Körpers sich bedeutend erweitern und viele Muskelverspannungen verschwinden. Der Körper scheint insgesamt weicher zu werden.
In der freie Atemschulung kommen viele Übungen zum Einsatz, die von der Ausführung her an die klassischen Yogaübungen, die Asana erinnern. Allerdings
werden die Übungen mehr mit dem Ziel zu einer Schulung der Beobachtung zum Atem und zur Bewußtseinsbildung eingesetzt und nicht in dem Sinne wie sie im Hatha-Yoga zur Energieaufladung zur Anwendung kommen.
Der Atem wird bei allen Bewegungen in seinem Fluß frei zugelassen und beobachtet. Die Übungen lenken mit ihren verschiedenartigen Bewegungen den Atem auf indirekte Weise. Oft wird es durch die freier werdende Atmung
möglich, auch sehr schwierige Yogastellungen mit einer faszinierenden Leichtigkeit und Anmut auszuführen.
Unser gewöhnliches Bewußtsein ist nicht fähig, das Geheimnis der Atmung zu
verstehen. Wird die kosmische Dimension des Atems durch eine gedankliche Auseinandersetzung allerdings mehr und mehr bewußt, dann entsteht eine
ungeheure Achtung vor der eigentlichen Größe und Erhabenheit dieser Kraft. So wie es das indische "Atman" auch ausdrückt, begegnet uns im Atem unser eigenes Selbst, oder unser Ich.
Bernhard Spirkl
