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Devotion – eine Tugend …

Yogaübung Kamel, Ruhephase

… die hier als Ehrerbietung, Verehrung oder Ehrfurcht zu verstehen ist. Auf die Großmut im Sinne der Weisheit und Übersicht, die im März als Übung mit wachem Haupt gegeben war, folgte nun im April eine Geste der Verneigung. Denn die Devotion wird auch mit Hingabe und Demut umschrieben. In ihr liegt aber weitaus mehr, als nur das Haupt zu senken. Wie sie zu verstehen ist, soll in diesem Artikel beschrieben werden.

Die Verehrung kennen wir hauptsächlich aus religiösen Zusammenhängen. Sie wird in unserer Zeit – vor allem in der westlichen Kultur – sehr kritisch gesehen. Gerne bringt man damit eine Schwäche, die Unterwürfigkeit und Selbstaufgabe in Verbindung. Sicherlich auch nicht ganz unberechtigt, für den Fall dass einem erwachsenen Menschen die Selbstbestimmung abgesprochen wird, wenn also in die Freiheit und den Willen eines Menschen eingegriffen wird. Vereinfacht lässt sich aber die gesunde devotionelle Grundhaltung als ein Vertrauen bezeichnen, aus dem gegenseitige Achtung und respektvolle Umgangsformen unter Menschen entstehen, auch auf spirituellen Wegen im Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Während auf östlichen spirituellen Wegen der Lehrer als eine unmittelbare Verbindung zum Geistigen angesehen und daher in seiner ganzen Person verehrt wurde, lenkt Rudolf Steiner die Aufmerksamkeit der Verehrung von der Person des Lehrers weg und stattdessen hin zu der Verehrung gegenüber Wahrheit und Erkenntnis.¹ Mir erschließt sich das so, dass der spirituelle Lehrer nicht mehr das Bewusstsein des Schülers überstrahlt und ihn energetisch seiner Bindungen enthebt, sondern er weist ihm den Weg, wie er selbst die geistigen Tatsachen erforscht. Das ist ein wesentlicher Unterschied für die Kräftigung des Bewusstseins, denn der Schüler bestimmt dadurch selbst seinen Übungsweg und muss sich aus eigener Kraft seine Charakterstärke erwerben. Dadurch schafft der Lehrer auch keine Polarität zum Leben in einer Art klösterlich-reinen Verbindung zu ihm. Der Lehrer bleibt zwar derjenige, der die geistigen Tatsachen erforscht und darauf hinweist, aber er vermittelt sie in der Art und Weise, dass sie der Schüler selbst denken kann, er macht sie gedanklich nachvollziehbar, logisch nachvollziehbar, so dass sie der Schüler über sein eigenes Bewusstsein in seine Empfindung bekommt. Dadurch wird das persönliche Beziehungsverhältnis zwischen Lehrer und Schüler auf eine gemeinsame Ebene von Mensch zu Mensch gestellt und Steiner betont mehrfach, dass es bei der Verehrung nicht um die Verehrung von Personen geht. Die Verehrung von Personen tritt ganz natürlich bei Kindern gegenüber bestimmten Erwachsenen auf und da sieht er sie an der richtigen Stelle.

Bei Kindern ist eine devotionelle Grundstimmung noch stärker angelegt, insofern, dass sie auf Vorbilder angewiesen sind und alles Lernen davon bestimmt ist. Diese natürliche Art, nicht in Opposition zu gehen, ist leider auch bei den tragischen Fällen verschiedener Arten von Missbrauch ein Thema. So wurde in einer kürzlich gesendeten Fernsehdokumentation über Kinderhandel berichtet, wie es Kindern erst erklärt werden musste, dass es nicht richtig ist, wozu sie genötigt wurden, weil sie auch in einer extremen und leidvollen Situation von sich aus den Erwachsenen nicht in Frage stellten.² Was sich in dieser Art seelisch zerstörend auswirkt, bedeutet aber in einem gesunden Beziehungsverhältnis, dass Kinder gerade durch diese Eigenschaft der Verehrung eben sehr gut lernen und seelisch gekräftigt werden können. Um einen realen Eindruck von dieser gesunden kindlichen Verehrung zu gewinnen, genügt es ja, sich an die eigene Kindheit zu erinnern: von welchen Erwachsenen habe ich auf freie Weise und gerne gelernt? Dabei kommt schon die Erinnerung an die devotionelle Grundstimmung, die man als Kind empfunden hat. Wenn ich von mir selbst ein Beispiel bringen darf, so habe ich manchmal mehr aus Sympathie für den Lehrer als für das Fach gelernt, ohne dabei auf Lob und Anerkennung aus zu sein. Ich habe dabei vielmehr eine große Freude entfaltet und noch mit 12-13 Jahren sogar aus Interesse die Hausaufgaben in dem Fach gemacht, das dieser innerlich bewunderte Lehrer unterrichtet hat. Dabei bemerkte ich, wie ich mir leicht die spannenden Schilderungen der Biologie-Lehrerin merken konnte oder mich freiwillig den komplizierten Zusammenhängen der Mathematik widmete, bei denen der Lehrer sagte, dem könnt ihr weiter nachgehen, wenn ihr wollt, das gehört nicht mehr zum Lehrplan.

Das Rad beim Kinderyoga Interessanterweise ist im Kindesalter auch die Geschmeidigkeit und Beweglichkeit i.d.R. noch sehr gut. Kinder gehen eher unbefangen und selbstvergessen an eine Bewegung heran, was dem Wesen der Hingabe entspricht. Es gefällt ihnen, ihr Können dem Lehrer zu zeigen. Darin liegt noch kein Strebertum oder Geltungsdrang, das geschieht aus der unmittelbaren Freude.

Für den Erwachsenen verändert sich also die kindliche Anlage der Verehrung und richtet sich auf das Leben und die Erkenntnis in folgendem Sinne aus: „Ein rechtes Wissen kannst Du nur erlangen, wenn Du gelernt hast, dieses Wissen zu achten.“ Steiner führt diesen Gedanken weiter, indem er schildert, dass es für die Entwicklung der Wissenschaft notwendig war, den Maßstab des kritischen Urteils anzulegen. „Aber was wir dadurch an äußerer Kultur gewonnen haben, mussten wir mit einer entsprechenden Einbuße an höherer Erkenntnis, an spirituellem Leben bezahlen.“¹ Dadurch würde dem Menschen durch das Leben selbst diese Gefühlsart der Devotion nicht mehr zugeführt und er müsse sie selbst seiner Seele einflößen, indem er beispielsweise „allen Dingen gegenüber auf das Gute“ sieht und das richtende Urteil zurückhalte. Und dies soll dem Menschen nicht nur äußeres Verhalten sein, sondern er muss damit beginnen, „dass er die Devotion in sein Gedankenleben aufnimmt. Er muss auf die Gedanken der Unehrerbietung, der abfälligen Kritik in seinem Bewusstsein achten. Und er muss geradezu suchen, in sich Gedanken der Devotion zu pflegen.“¹ – Warum ist das so wichtig? Steiner arbeitet heraus, wie die angelegten devotionellen Gefühle für die Seele aufbauend wirken und sie in der Fähigkeit des Erkennens gesund und kräftig machen:

„Es wird dem Menschen anfangs nicht leicht, zu glauben, dass Gefühle wie Ehrerbietung, Achtung usw. etwas mit seiner Erkenntnis zu tun haben. Dies rührt davon her, dass man geneigt ist, die Erkenntnis als eine Fähigkeit für sich hinzustellen, die mit dem in keiner Verbindung steht, was sonst in der Seele vorgeht. Man bedenkt dabei aber nicht, dass die Seele es ist, welche erkennt. Und für die Seele sind Gefühle das, was für den Leib die Stoffe sind, welche seine Nahrung ausmachen. Wenn man dem Leibe Steine statt Brot gibt, so erstirbt seine Tätigkeit. Ähnlich ist es mit der Seele. Für sie sind Verehrung, Achtung, Devotion nährende Stoffe, die sie gesund, kräftig machen; vor allem kräftig zur Tätigkeit des Erkennens.“¹

Devotion wird zu Opferkraft

Die Tugend der Devotion bewirkt also eine neue Kraft in der Seele. Wenn Steiner schreibt, dass man geneigt ist, die Erkenntnis als Fähigkeit für sich hinzustellen, so lese ich daraus, dass die Erkenntnis keine intellektuelle Angelegenheit ist und aus dem angesammelten Wissen entspringt, ja dass dieses für die Erkenntnis sogar hinderlich sein kann, so wie die Steine für den Leib keine Nahrung sind und er davon sterben würde. Gerade die hingebungsvolle Verehrung vereint zwei Fähigkeiten: die Achtung und die Gabe. Die Achtung stellt den Inhalt höher, als das, was der Mensch bisher geworden ist oder was er bisher weiß. Das entsteht z.B. durch eine Frage oder Zielsetzung. Eine Frage oder ein Ziel müssen höher stehen, sonst wäre eine Frage ja nicht mehr zu beantworten und ein Ziel nicht mehr erstrebenswert. Mit dem fragenden Blick auf das Ziel bahnt sich ein Weg des Lernens, ein Hindurchgehen durch das Lernen. Lässt man sich auf das Lernen ein, so möchte man ja etwas Neues entwickeln und nicht nur das Bisherige wiederholen. Diesen Teil des bisherigen Wissens wird beim Lernen gewissermaßen hingegeben. Das heißt nicht aufgegeben, denn eigentlich wird das Bisherige durch den Blick auf das Neue auch neu belebt, aber es muss gewissermaßen zurückweichen, sonst würde das Wissen nämlich erstarren und zum Dogma werden. In künstlerischen Tätigkeiten kennt man das. Daher stammt vermutlich auch der viel zitierte Ausspruch von Picasso: „Ich suche nicht, ich finde.“, welcher sich auf das Werdende und nicht auf das vorher Entworfene bezieht. Fixe Vorstellungen wirken in der Kunst sehr blockierend. Lässt man sich hingegen auf Prozesse ein, so können einem sehr überraschend Lösungen entgegenkommen. Nur die Achtung vor dem höheren, dem noch nicht erreichten Ziel, die Ehrfurcht oder der Sinn und Wille für das Neue, bringt die Fähigkeit hervor, das Bisherige immer wieder hinzugeben – zu opfern.

Der Kopf als Gedankenpol kann die Erinnerungen festhalten oder aber sich gedanklich öffnen.

Yogaübung Kamel, Bewegungsphase

Die Bewegung darf nicht zurück fallen …

Yogaübung Kamel, Ruhephase

… sie muss aktiv geformt und getragen werden.

Dieses Verhältnis, etwas „Gewordenes“ zurückzulassen, innerlich aber eine gesunde Kraft des Zugehens auf ein Ziel oder eine gesetzmäßige Wahrheit zu entwickeln, kommt bei den Yogaübungen vor allem in der Bewegung des Rückwärtsbeugens zum Ausdruck: der Kopf wird locker in den Nacken gelegt, die gesamte Kopf-Schulterpartie wird bewusst gelöst, der Körper nimmt an Größe ab, die Wirbelsäule muss aber gut tragen können! Interessant dabei ist, dass das Bewusstsein sogar viel mehr gefordert ist, da die Anforderungen des Tragen-Könnens an die Wirbelsäule in dieser Bewegungsrichtung größer werden. Äußerlich scheint man an Halt zu verlieren, innerlich muss man umso mehr Halt entwickeln. Dies drückt sich vor allem in der Fähigkeit aus, die Wirbelsäule durchzuspannen. Das Tragen ist also keine starre Angelegenheit. Es bedarf einer wachen Führung vom Bewusstsein. Besonders in dem Erleben der Offenheit, in dem man nicht weiß, wie man sich halten soll, kann es geschehen, das man sich im Bewusstsein fallen lässt. Die Aktivität des Bewusstseins ist in der Übung sehr real erlebbar, das ist nicht nur körperliches Können. In den wenigsten Fällen gibt das der Köper von sich aus her, i.d.R. sind zunächst viele Blockaden zu lösen, was sehr viel Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Übung erfordert. Bestimmte Bereiche fallen meist aus dem Bewusstsein heraus und die Yogaübenden wissen häufig nicht, wie sie den Rücken aktiv aufrichten und in eine durchlaufende Spannung bringen können.

Das Wesen der Erkenntnis wird angezogen

Rudolf Steiner schließt den Gedanken der Devotion mit folgenden Worten ab:

„Die Verehrung weckt eine sympathische Kraft in der Seele, und durch diese werden Eigenschaften der uns umgebenden Wesen von uns angezogen, die sonst verborgen bleiben.“ ³

In dieser für mich wirklich erstaunlichen Aussage, kommt wieder diese Feinsinnigkeit zurück, die in unserer Kultur weitgehend verloren gegangen ist: dass ein Gefühl, dass mir zunächst nicht viel an Größe gibt, eine sympathische Kraft nach außen bewirken kann und diese sympathische Kraft selbst die Erkenntnis als ein Wesen heranzieht!

Ich kenne derartige Beobachtungen auch von Referenten, die sich intensiv mit einem Thema beschäftigen und recherchieren. Sie berichten, wie sich ihnen plötzlich Wege und Begegnungen auftun, die sie direkt zu neuen Quellen führen, die sie für Ihr Thema benötigen. Hier scheint sich etwas abzuspielen, was man oft mit „die Dinge fügen sich“ bezeichnet und was man auch als eine Art Anziehung charakterisieren könnte, die durch die eigene Hinwendung entsteht.

Die Ehrfurcht, Verehrung oder das bhakti, der Yoga der liebevollen Hingabe, hat einen direkten Bezug zum Fühlen, so wie jnana Yoga, der Weg der Erkenntnis, im Denken ansetzt und karma yoga mit dem selbstlosen Handeln einen Bezug zum Willen hat. Diese drei Pfade der Seele sind also nicht getrennt voneinander zu verstehen, sie wirken in ihrer Verschiedenheit gleichermaßen zusammen. Denken, Fühlen und Handeln sollten in der Yogapraxis geordnet zusammenwirken. Wenn von „ganzheitlich“ beim Yogaüben gesprochen wird, so wäre eben die Erkenntnis zu den Übungen einzubeziehen. Und sich der Erkenntnis mit einer gewissen Ehrfurcht hinzugeben, würde die Empfindung und Bewegung neu erfüllen.


1) Rudolf Steiner in „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“ (PDF, S.20-28)
Zwar bezieht sich Steiner in seinem Werk auf den Schüler eines geistigen Erkenntnisweges, räumt aber ein, dass auch Menschen, die nicht die übersinnlich-geistige Erkenntnis suchen wollen, gleichwohl fühlen können, „welchen Wert diese Erkenntnisse für das Leben haben“.  „… eine rechte gesunde Lebensnahrung sind aber die Erkenntnisse des schauenden Menschen für jedermann. Denn anwenden im Leben kann sie jeder.“ (Aus dem Vorwort des Buches)
2) Kinderhandel – Mitten in Europa, NDR, Regie Sylvia Nagel, Autorin Sonya Winterberg, 2018
3) Rudolf Steiner in „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“ (S. 28);

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