Monatstugenden
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Die Diskretion – Februarübung

Yogaübung Halbmond Vorbereitung

Das Üben der Monats-Tugenden nach Rudolf Steiner.

„Diskretion wird zu Meditationskraft“ …

… so wird ein Aspekt der seelisch-geistigen Entwicklung angedeutet. Die Yoga-Übung selbst kann diese Entwicklung nicht bieten, denn sie ist eine äußere Körperhaltung, die Tugend ist eine innere Seelenhaltung. Die Yogaübung könnte aber ein künstlerischer Ausdruck der Seele werden, wenn ein Sinn für die Seelenhaltung entsteht. Vielleicht mag man denken, ein Mensch hat diese oder jene Tugend ein anderer nicht, als sei der Mensch von der Natur determiniert und könne nichts hinzu entwickeln. Rudolf Steiner empfahl hingegen, Tugenden konkret zu üben. Er nannte zu jeder Tugend eine bestimmte seelische Kraft, die sich aus dem individuellen Üben entwickeln kann. So wie sich bei der Tugend des Mutes „Erlöserkraft“ entwickeln kann, so sieht er als Ergebnis des Übens der Diskretion die „Meditationskraft“.

Die Diskretion

Schauen wir uns zunächst den Begriff der Diskretion näher an. Es gibt Berufe, in denen zur Ausübung die Diskretion im Sinne einer Verschwiegenheitspflicht eine Voraussetzung ist und beeidigt wird. Es würde nicht nur als unseriös und widerrechtlich, sondern als eine Verletzung der Berufsehre angesehen, wenn beispielsweise ein Arzt über seine Patienten plaudert und damit dessen Privatsphäre verletzt. Weiterhin sieht man im alltäglichen Leben z.B. vor einem Schalter bei der Post ein Hinweisschild „Diskretion“, „Bitte Abstand halten“ und weiß, hier beginnt ein geschützter Bereich, hier halte ich mich zurück. Die Diskretion ruft also zur Rücksichtnahme, zur Achtung der persönlichen Grenze anderer auf. Auch im alltäglichen und besonders im geschäftlichen Gespräch wird es als Kompetenz und Reife angesehen, wenn jemand unterscheiden kann, worüber man spricht und was eher persönlich und unberührt bleibt. Die Diskretion entspricht also einer Sorgfalt und Sensibilität und ist darauf bedacht, dass sich die eigene Sprache und Handlung harmonisch ins Leben integriert.

Zurückhaltung, Sorgfalt und Sensibilität haben eine Verwandtschaft zum sog. viśuddha-cakra¹, ein Nervengeflecht beim Kehlkopf, was in der Yogatradition auch als Energiezentrum bezeichnet wird. Das Sanskritwort viśuddha wird mit rein, sauber, klar, ehrlich, tugendhaft/rechtschaffen, frei von Lastern, sorgfältig und auch geschmälert (subtrahiert) übersetzt. Eine gewisse Reinheit durch Zurückhaltung, Klarheit im Sinne des Aussonderns von Überflüssigem oder Unwesentlichem kann daraus abgeleitet werden. Z.B. bildet man sich häufig voreilig ein Urteil, weil man irgendetwas Sensationelles „aufschnappt“. Meist bemerkt man später, dass es doch nur ein Teilaspekt einer Sache oder gar falsch war. Rudolf Steiner weist darauf hin: „Ganz anders wäre die Sache, wenn ich zuerst mit meinem Urteil zurückhaltend gewesen wäre, wenn ich zu der ganzen Angelegenheit innerlich in Gedanken und äußerlich in Worten geschwiegen hätte, bis ich ganz sichere Anhaltspunkte für mein Urteil gehabt hätte.“²  Und er meint damit eine

„Behutsamkeit im Bilden und Aussprechen von Urteilen“.

Hier ist aber weniger die bloße Enthaltung gemeint oder dass alles nur noch sanft geschehe, als vielmehr eine bewusste und eben sorgfältig erwogene Haltung. Vermeidet man bspw. vorschnelle Rückschlüsse, Worte und Handlungen, so wird man mehr und mehr zu einem innerlich ruhigen und wachen Beobachter.

Behutsamkeit im „Bilden“ am Beispiel der Spannkraft

Das viśuddha-cakra in der Region des Kehlkopfes hat einen Bezug zum gesamten Schultergürtel. Wird diese Region entspannt so bildet sich der Willenseinsatz in der Rückenmuskulatur ohne den Kopfbereich mit den Gesichtssinnen einzuengen. Das Bewusstsein bleibt damit freier und sensibler an der Formung der Bewegung beteiligt:

Yogaübung Spannungsverteilung

Die Entspannung der Schultern bewirkt Offenheit im Bewusstsein, die Spannung bildet sich im Rücken aus.

So, wie man Eindrücke zunächst unbefangen sammelt, bevor das Urteil gebildet wird, so bildet sich in der Übung die substantielle Zentrierung im Halten wenn die Offenheit im Kopfbereich bewahrt bleibt. 
Diese Phase kostet einige Mühe. Während des Vorwärtsbeugens sollte der Rücken eher aufwärts streben, als sogleich in die Tiefe nach vorne gehen. Es ist hierbei eigentlich gar nicht entscheidend, wie weit man in die Dehnung nach vorne kommt. Man achte darauf, das mögliche Maß des Aufrichtens im Vorwärtsbeugen zu halten, die Arme aber gegenüber dem Raum zu öffnen und fortwährend den Schulterbereich zu lösen. Das Gefühl der Offenheit bei ruhigem und ausdauerndem Halten der Form ist wichtiger, als das Höchstmaß der Dehnung! Dadurch bildet sich die tragende Kraft aus:

Aus der wachen Weite im Bewusstsein formt sich Substanz im Willen.Aus der sensiblen und sorgfältigen Entspannung der oberen Bereiche bildet sich die substantielle tragende Kraft, aus der die Bewegung nach außen geformt wird. Man könnte den Vergleich anstellen, dass auch ein Urteil erst tragfähig werden muss, bevor man damit nach außen tritt.

Sensibilität im Beobachten und die Bewegung nach außen

Die Übung „Halbmond“ ist besonders charakteristisch in der Geste der Zurückhaltung und Sorgfalt und schließt sich gut an die vorige Übung an. Als erstes wird der Kniestand eingerichtet und die Zeit genommen, bis behutsam das Becken tiefer sinkt (Vorsicht mit der Leistengegend!). In der wachen Aufrichtung fallen die Arme locker zurück. Man achte auf die Öffnung der Schlüsselbeine und wie in dem niedrig gewählten Kniestand eine Öffnung gegenüber dem Außenraum entsteht:

Yogaübung Halbmond Vorbereitung

erste Phase des Halbmondes: Einsinken des Beckens bei aufrechter Haltung

Das Erleben in der Übung könnte man als ein Zurückweichen des eigenen Wesens bezeichnen, welches aber in der Beobachtung aktiv bleibt. Die äußeren Form des Niedriger-Werdens und Zurückfallens der Arme wird zum Ausdruck der inneren Geste des Ruhigwerdens. Häufig erlebt man in dem Moment eine Art stimmiges Zusammenwirken von Einsinken, Aufrichten und Öffnen.

Yogaübung Halbmond Ausgangsposition

Halbmond Ausgangsposition

Vor der eigentlichen Bewegung findet ein Moment des Innehaltens statt.

Halbmond einfache Aufrichtung

Die Grundstellung

In der beginnenden Aktivität wieder etwas Zeit nehmen, um die Schultern zu entspannen. Hierin drückt sich die Sorgfalt aus. Die Arme bleiben in der Form.

Halbmond beginnendes Rückwärtsbeugen

Das beginnende Rückwärtsbeugen formt die Halbmondsichel.

Die Bewegung erfolgt aus dem Loslassen. Den Kopf nicht zu früh zurücklegen. Spannkraft im Rücken und Entspannung der oberen Partien werden sensibel aufeinander abgestimmt und dieser Vorgang ggf. mehrmals wiederholt. Es geht nicht darum, sich fallen zu lassen!

Halbmond Endstellung

Der Halmond in der Endstellung

Beim Rückwärtsbeugen erlebt man sich in einer großen Offenheit und bemerkt besonders in der Endstellung des Halbmondes, wie Einsinken, Wirbelsäulendynamik und Loslassen harmonisch zusammenwirken. Die Aktivität bei gleichzeitiger Feinabstimmung geschieht aus der wachen Beobachtung. Die Bewegung gestaltet sich zu einem behutsamen Ausdruck der Aktivität in der Präsenz und Offenheit gleichsam der „Behutsamkeit im Aussprechen eines Urteils“.

Die Meditationskraft

Nimmt man das Wort Meditationskraft sehr unmittelbar, so bedeutet es die Kraft zu Meditieren, also die Fähigkeit, des Ruhigwerdens bei gleichzeitiger Sensibilität und Wachheit. Auch das sorgfältige Aussondern von bestimmten Wünschen wie ein sensationelles emotionales Erleben oder eben ein schnelles Erreichen-Wollen irgendeines Ergebnisses ist eine Fähigkeit beim Meditieren.
Damit erschließt sich der Zusammenhang der Diskretion, die die Fähigkeit anlegt, sich selbst zur Ruhe zu bringen, sich eine Führung zu geben, in der Art, wie man sie beim Meditieren benötigt. Es legt sich also wirklich eine Kraft für die Meditation an, die man i.d.R. erst entwicklen muss. Die Entwicklung des viśuddha-cakras könnte als erste Stufe der Meditationskraft bezeichnet werden und beinhaltet, wie beschrieben, die Entwicklung der Fähigkeit der Zurückhaltung und Beobachtung, die Sensibilität in der Wahrnehmung oder wie es Rudolf Steiner ausdrückte: „das ruhige Achten auf alle Feinheiten des seelischen Lebens in der Umgebung bei völliger Schweigsamkeit der eigenen Seelenregungen.“ ³


¹ Symbolisch werden diese Zentren oder Chakren (Sanskrit cakra = Rad) als Räder mit einer bestimmten Anzahl an Radspeichen oder auch als Lotusblumen mit jeweils unterschiedlich vielen Blütenblättern dargestellt.
² Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten (PDF), S. 88
³ ebenda S. 70

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