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Großmut – die Tugend im März

Yoga – Drehsitz

Im Yoga gibt es verschiedene Ebenen des Übens. Man kann die Muskulatur aufbauen, die Dehnfähigkeit erweitern und allgemein den Körper beleben.  Über die Wahrnehmung und Erweiterung des Erlebens kommt die seelische Ebene zur Geltung. Geistig sind wir beteiligt, indem Beobachtung entwickelt und schlichtweg über die Übung nachgedacht wird, z.B. darüber, was die innere Haltung in einer Körperübung ist – die innere Haltung einer Tugend.

Die vorige Tugend, die innere Haltung der Diskretion, vermittelt Eigenschaften wie Ruhe, Sorgfalt und Sensibilität in der Wahrnehmung. Diese kamen in der Körperübung vor allem in den verschiedenen Phasen der Übung zum Ausdruck: innehalten, ruhig werden, beobachten und das Zuviel an Spannung herausnehmen und dann erst in die nächste Bewegung gehen.

Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften weckt nun die Großmut?

Die Worte mit der Endung „…mut“ bezeichnen den Ausdruck einer inneren Seelenverfassung: Anmut, Hochmut, Frohmut, Unmut, Sanftmut, Starkmut, Kleinmut, Großmut, Langmut, Freimut, Gleichmut, Edelmut, Demut, usw. oder auch jemandem etwas zumuten.

Im historischen Sinne, taucht die Großmut im Zusammenhang mit Herrschern, die Begnadigungen aussprechen, auf. Darin liegt das „Nicht-Richten“, eine menschliche Geste, welche sich bewusst über das weltliche Recht erhebt. Dieses Nicht-Richten als Grundgeste können wir zu jeder Zeit im Alleralltäglichsten üben. Allerdings müsste etwas vorangehen, damit es nicht bloß eine auferlegte Handlung bleibt, die uns bei allem „Gut-sein-Wollen“ erst recht von der Umgebung trennen könnte. Es müsste zunächst die Wahrnehmung wirklich nach außen zum Menschen gehen, ähnlich wie es bei der vorangehenden Tugend der Diskretion der Fall war: das behutsame bilden eines Urteils, das Sammeln von Eindrücken, so dass ein Sinn für das Gegenüber und die Situation entsteht.
Nun bemerkt man bei ehrlicher Selbstreflektion, dass man meist vor allem die Dinge sieht, die einen am anderen stören, oder auch die Dinge, die nur die eigene Vorliebe bedienen, die man eigentlich gerne für sich hätte. Es ist also gar nicht so leicht, wirklich den anderen zu „sehen“. Rudolf Steiner weist vor allem für das Entwickeln von geistiger Erkenntnis besonders darauf hin, sich in die Vorzüge des anderen zu vertiefen: „Begegne ich einem Menschen und tadle ich seine Schwächen, so raube ich mir höhere Erkenntniskraft; suche ich liebevoll mich in seine Vorzüge zu vertiefen, so sammle ich solche Kraft.“ Er schrieb dies in Zusammenhang mit unserem kritisch denkenden Zeitalter, welches Gefühle wie Bewunderung und Ehrerbietung zurückdränge, während in Zeiten, in denen die materiellen Verhältnisse einfachere waren, sich das Verehrungswürdige noch stärker von den Weltverhältnissen abgehoben habe. Er wies auf eine Devotion in Gedanken hin: „Jeder Augenblick, in dem man sich hinsetzt, um gewahr zu werden in seinem Bewußtsein, was in einem steckt an abfälligen, richtenden, kritischen Urteilen über Welt und Leben: – jeder solcher Augenblick bringt uns der höheren Erkenntnis näher. Und wir steigen rasch auf, wenn wir in solchen Augenblicken unser Bewußtsein nur erfüllen mit Gedanken, die uns mit Bewunderung, Achtung, Verehrung gegenüber Welt und Leben erfüllen.“ ¹

Man könnte für das Üben der Großmut folgende Schritte gehen:

  • Wahrnehmung für die Außenwelt schulen
  • Interesse daran entwickeln
  • Bewusstsein mit Gedanken der Bewunderung erfüllen

Diese Art der Wahrnehmung, die nicht sogleich richtet, kann als Toleranz bezeichnet werden, aus der zunächst die Einsicht entstehen kann: Da ist ja noch mehr, als ich bisher an dem Menschen gesehen habe. Darauf folgt ganz natürlich ein erstes Interesse mit dem so etwas wie Unbefangenheit entsteht. Kommt dann zu der toleranten, unbefangenen Wahrnehmung auch noch die Bewunderung hinzu, so ist das schon eine Stufe der Vertiefung im Fühlen, wie eine innere Nähe und Begegnung, womit man wiederum in die Lage kommt, z.B. seinen eigenen Ärger, seine Antipathie zu verwandeln und innere Barrieren abzubauen. Man wird milder im eigenen Fühlen sowie nach außen.

Erst nach dieser Verwandlung der eigenen Antipathien zu diesem inneren Begegnen dürfte es möglich sein, über eine Verletzung hinwegzusehen, was wiederum dem Vergeben gleichkommt. Die Großmut selbst sehe ich als eine daraus folgende Handlung, z.B. das Zugehen auf einen Menschen. Oder sie könnte gar eine Förderung der wahrgenommenen Fähigkeiten sein, weil man möchte, dass sich ein Mensch entwicklen kann, indem man denjenigen darin bestärkt oder ihm eine Unterstützung auf dem Berufsweg o.ä. gibt, das wäre eine Sache des individuellen Beziehungsverhältnisses.

Damit lässt sich der Prozess zur großmütigen Geste auf diese Weise skizzieren:

  1. Toleranz aus der Wahrnehmung
  2. „Vergebung“ im Fühlen
  3. Großmut als Tat

Zusammenfassend lässt sich also sagen: aus der Anschauung entsteht Offenheit für neue Eindrücke, welche die Wahrnehmung erweitern und das Fühlen verwandeln und vertiefen. Daraus erwächst die Fähigkeit zu vergeben oder, einfacher gesagt, über Schwächen hinwegzusehen. Und daraus wiederum kann eine freiere großmütige Handlung erfolgen. Frei ist die Großmut, weil sie nach diesem Prozess der Verwandlung gleichzeitig selbstloser wird. So lässt sich erahnen, wie Großmut, die mehr und mehr den Blick für den anderen Menschen entwickelt, zu Liebe wird – und zwar ganz unsentimental: aus einer größeren Übersicht und Weite in Gedanken verwandelt sich das Fühlen und ändert die Handlungsweise in das Leben hinein.

Die folgende Übung, der Drehsitz, bringt dies in einer Geste zum Ausdruck.

Drehsitz Bewegung

Der Arm leitet die Bewegung des überspannenden Bogens der gedanklichen Weite ein.

Drehsitz Ruhephase

Die gedankliche Weite bleibt in der Endstellung erhalten. Gesicht und Stirn werden entspannt.

Die Stellung der Beine bilden die Basis wie eine Art Unterbau, die aufgerichtete Wirbelsäule ist in die Drehung übergegangen, die Schultern bilden eine Ebene über der sich der Kopf frei und umsichtig heraushebt. In dieser Stellung erfährt der Übende die Festigkeit der soliden Basis in einem Verhältnis zu der Weite in Gedanken. Die Drehung liegt zwischen diesen beiden Polen. Sie soll nicht hart erzwungen werden, so dass immer die Umsichtigkeit erhalten bleibt. Gerade dadurch wirkt die Entspannung der oberen Bereiche auch lösend auf die mittlere Rückenmuskulatur, die während der Haltezeit geschmeidiger oder analog zur Tugend „milder“ wird.
Die Übung wird nach etwa einer Minute mit der gleichen weiten Armbewegung wieder zurückgeführt, gleichsam der Geste, die aus dem verwandelten Fühlen anders ins Leben einwirkt.

Ebenen in der Drehung
Skizze oben: Die verschiedenen Ebenen in der Drehbewegung – das Bewusstsein kann harmonisierend zur Körpermitte wirken, wenn es frei bleibt. Körperlich ist die Drehung eine Aufwärtsbewegung, mit dem Bewusstsein entsteht auch eine Bewegung von außen nach innen.

Die Großmut aus einem Ideal

Ich denke, man sollte sich aber nicht zu schematisch-hölzern nach diesen Schritten in einer entsprechenden Lebenssituation verhalten. Diese Differenzierung soll ja nur den Sinn dafür wecken, wie eine aufbauende Kraft entstehen kann. Man kann sich natürlich auch sehr unmittelbar ein „Herz fassen“ und sich sagen: „Ich will nicht kleinmütig sein, sondern darauf blicken, was die Zukunft fördert.“ Dies ist umso leichter möglich, je mehr schon ein eigenes Ideal für das Leben entstanden ist. Ein Ideal könnte z.B. sein, für sich den Gedanken zu formulieren: In der Zukunft soll einmal eine Kraft im Bewusstsein vorhanden sein, die den anderen Menschen in seinem Wesen sieht, es soll sich das projektive Sehen in ein erkennendes Sehen verwandeln. Mit solchen oder ähnlichen Überlegungen, die zu einem wirklichen Anliegen werden, überschaut man das Leben anders und kann sich leichter von negativen Gefühlen, die gerne zu Verwicklungen führen, befreien. Das Ideal überspannt wie ein Bogen das Leben vom Zürückliegenden über den gegenwärtigen Ist-Zustand bis zu dem, was in der Zukunft werden soll:

Ideal als überspannender Bogen über dem Leben
Der markierte Punkt versinnbildlicht die Gegenwart. In der Übung ist dies auch der Punkt aus dem sich das Lot der Wirbelsäule in die Drehung aufrichtet.

Großmut wird zu Liebe

„Damit der Mensch die «Liebe» lernt, muß er im Endlichen anfangen. Um einen höheren Begriff der Liebe zu lernen, muß er mit dem Kleinen anfangen, mit dem Vergänglichen und dem Endlichen und sich weiterentwickeln. Die Liebe muß eine Selbstverständlichkeit, eine selbstverständliche Kraft werden. Sie muß das Ziel sein und das Streben der Menschen.“²

Die Wahrnehmung der Außenwelt, das Interesse daran und die entstehende Wertschätzung bewirken, dass ich anders mit dem Leben in Beziehung trete. Ich verbinde mich mit dem Leben und übe nicht abseits davon meine Yogaübungen. Man könnte sicher sagen, je mehr ich die innere Haltung am Leben schule, desto schöner wird der Ausdruck der Yogaübungen – und das unabhängig von der Beweglichkeit.

In seinem Buch „Die okkulte Bedeutung des Verzeihens“³ widmet sich Sergej Prokofieff sehr sorgfältig dem Begriff des Verzeihens, führt einige tiefgreifende Beispiele auf und arbeitet verschiedene Stufen der verwandelnden Wirkung heraus. Während des Lesens ist mir zum einen die Bedeutung des Verzeihens wieder sehr viel näher gerückt und zum anderen ist mir meine eigene Beobachtung klarer geworden, dass die Toleranz noch mehr im Anschauen liegt, während das Verzeihen sich bereits stärker mit dem eigenen Fühlen verbindet. Und schließlich beginnt die Großmut als wirkliche Handlung im Leben – im Endlichen.

Den Bezug der Liebe zur Lebensnähe drückt Steiner auch in seinem Buch „Die Philosophie der Freiheit“ mit folgenden Worten aus:

„Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen.“

Leben und Lebenlassen – die Großmut im Sinne des Lebenlassens anderer: Was ist dieses Verständnis des fremden Wollens? Was hat es mit der Liebe zum eigenen Handeln im Leben zu tun? Bewirkt die Liebe zur eigenen Aufgabe dann ein Wohlwollen gegenüber dem mich umgebenden Leben und somit auch gegenüber anderen?

Freiheit drückt sich also in der Liebe zum Handeln und im Handeln lassen aus. In der Übung oben geht es übrigens um einen freien Blick, um eine Art Weitsicht, die man direkt in der Übung zum Ausdruck bringen kann, wenn der Kopf nicht zu sehr „untertaucht“ sondern oben in der Übersicht bleibt. Das eigene Wollen soll keinen Zwang ausüben. Der Kopf bleibt über den Spannungen des Körpers in der Gelöstheit oder anders ausgedrückt: das Haupt bleibt erhoben und überschauend. Aber nicht im Stolz, sondern eben im freien und wohlwollenden Sinne.


¹ GA10 „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“, S. 22 ff
² Vortrag vom 2. Dezember 1903, GA 88, S. 87
³ Sergej O. Prokofieff, Die okkulte Bedeutung des Verzeihens, Verlag Freies Gesistesleben (Anthroposophische Fachliteratur, die teilweise Grundkenntnisse in der verwendeten Begrifflichkeit voraussetzt.)

Kategorie: Monatstugenden

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Ich bin seit 1993 Yogalehrerin und möchte die Hatha-Yoga-Übungen aus der energetischen Betonung lösen und mit dem Bewusstsein über die innere Haltung erweitern.

2 Kommentare

  1. Holger Rudloff sagt

    Steiners Satz zum Leben und Wollen erinnert auch ein bisschen an Albert Schweitzer: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

    • Regina sagt

      Gleichzeitig ein schönes Wortspiel und die Wertschätzung gegenüber dem Leben lese ich daraus.
      Das Leben-Wollen könnte man als Grundbedürfnis verstehen, aber auch so, dass jeder im Leben etwas entwicklen will.

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