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Vorwärtsbeuge mit Öffnung

Höflichkeit – Geste der Sensibilität

Im September beschäftigten wir uns in den Kursen mit der Höflichkeit als Haltung. Dabei haben wir unterschieden zwischen Höflichkeitsformen, die man zunächst lernt, und Höflichkeit als innerer Sinn, als Sensibilität, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit für andere Menschen. Bei der höflichen Verhaltensweise sprechen wir von einer äußeren Form, so wie man z.B. „guten Tag“ sagt. Man empfindet das Verletzen solch einer Form als unhöflich. Aber auch, wenn eine Form ohne wirkliche Aufmerksamkeit für den anderen angewendet wird, kann das unhöflich sein. Hat jemand einen Schicksalsschlag oder schmerzliche Veränderungen im Leben erfahren, wird man das in der Begegnung berücksichtigen, sensibel sein und keine überschwänglichen Fragen stellen, auf die derjenige vielleicht gar nicht antworten möchte. Daran lässt sich erahnen, dass Höflichkeit nicht allein Form, sondern auch Sensibilität, Aufmerksamkeit und Empathie sein kann, bei der die Person des anderen berücksichtigt wird und Vorrang gegenüber den eigenen Interessen hat. Weiterlesen

Yogaübung Kamel, Armbewegung

Mitleid wird zu Freiheit

Eine innere Haltung bringt oft mehr zum Ausdruck, als eine äußere. Oder die äußere Haltung kann bei zwei Menschen gleich sein, aber dennoch etwas ganz anderes ausdrücken. Beispielsweise wirkt eine Yogaübung, wenn es nur um die Perfektion geht, immer etwas hart. Wenn aber nur das Wohlgefühl gesucht wird, scheint sie sich beinahe aufzulösen. Das Formen einer Übung beginnt also vielmehr bei der inneren Haltung.

Die Tugenden formuliert Rudolf Steiner so, dass sie zu etwas Neuem in der Seele werden. Er gibt damit einen Inhalt, den wir in seiner Bedeutung ergründen können. Und schon durch das Nachdenken über eine Tugend rückt der Sinn dafür näher. Man muss nicht meinen, eine Tugend wie das Mitleid nur pflegen zu können, wenn man schon ein freier Mensch ist. Oft sind es ja gerade die kleinen Veränderungen, die Großes bewirken. Was ist also diese innere Haltung des Mitleids, worin unterscheidet sie sich von sentimentalen Tendenzen und warum wird sie zu Freiheit?

Das Mitleid ist etwas verallgemeinert ein Mitgefühl, mit dem man im Fühlen mehr beim anderen ist, als bei sich selbst. Im vorigen Monat erwähnte ich das von Rudolf Steiner beschriebene selbstlose Zuhören, bei dem der Drang, die eigenen Meinungen, egal welcher Art, ob Zustimmung oder Ablehnung, Gedanken oder Gefühle, zurückgehalten werden. Steiner schloss diesen Gedanken mit den Worten: „Wenn er [der geistige Schüler] sich so übt, kritiklos zuzuhören, auch dann, wenn die völlig entgegengesetzte Meinung vorgebracht wird, wenn das «Verkehrteste» sich vor ihm abspielt, dann lernt er nach und nach mit dem Wesen eines anderen vollständig zu verschmelzen, ganz in dasselbe aufzugehen. Er hört dann durch die Worte hindurch in des anderen Seele hinein.“

Dieses durch die Worte hindurch zum Wesen eines anderen Menschen zu finden ist eine sehr reine und hohe Form der Begegnung oder inneren Beziehungsaufnahme. Man darf das Verschmelzen mit dem Wesen eines anderen nicht als eine Art Selbstreduzierung und Aufopferung des eigenen Wesens verstehen. Ebensowenig sollte man einem „gewollten“ Verschmelzen mit dem Wesen eines anderen etwas beimessen, das wird in der Regel irgendeine Einbildung sein. Ich denke, dass gerade der Wesenskern eines Menschen das ist, was mit einem Entwicklungswunsch durch das Leben geht, welcher sich vielleicht nicht wirklich in einer Übereinstimmung mit den äußeren evtl. gegenläufigen Verhaltensweisen zeigt und sich vielleicht sogar gerade dahinter verbirgt. Es gibt so etwas wie eine Schale und ein Kern bei jedem Menschen. Das, was Steiner mit dem Wesen verschmelzen meint, ist eigentlich eine Wesens-Wahrnehmung und Wesens-Erkenntnis, die aber bis in die Empfindung geht. Steiner drückte dieses empfindungsmäßige Erkennen an einer anderen Stelle, die ich bei der Tugend der Devotion zitiert habe, folgendermaßen aus: „Man bedenkt dabei [bei Gefühlen wie Ehrerbietung und Achtung] aber nicht, dass die Seele es ist, welche erkennt. Und für die Seele sind Gefühle das, was für den Leib die Stoffe sind, welche seine Nahrung ausmachen. … Für sie sind Verehrung, Achtung, Devotion nährende Stoffe, die sie gesund, kräftig machen; vor allem kräftig zur Tätigkeit des Erkennens.“

Das selbstlose Zuhören und die Achtung vor dem Wesen des anderen, vor seiner Entwicklung, gleich wie vollkommen oder unvollkommen sie sich äußerlich darstellt, die sich annähernde Wesenserkenntnis, verstehe ich als eine Grundlage, um eine Art von Mitleid zu entwickeln, welches frei von Emotionen den anderen Menschen nicht nur im Leid, sondern in seiner Situation sieht, in der er ja nicht ewig bleiben will. Denn wie häufig wird von Mitleid gesprochen, wo es sich nur um die eigenen Gefühle und Ängste dreht! Es ist ja eine Notwendigkeit, zum Wesen des anderen hindurchzukommen, wenn man sich wirklich einfühlen will. Um sich einfühlen und eindenken zu können, muss oftmals das eigene vorgeprägten Fühlen und Denken verlassen werden, wenn es zum Erkennen eines Menschen in einer bestimmten Situation führen soll, um wirklich Anteil nehmen und vor allem auch danach Handeln zu können. Warum das Erkennen eine Voraussetzung für Mitleid und Handlungsfähigkeit ist, beschreibt Steiner recht einfach und anschaulich an einem kleinen Beispiel:

“Der Weg der höchsten Erkenntnis ist zugleich der Weg des höchsten Mitleides. Durch die Erkenntnis muß man zum Mitleid gelangen, nicht durch Phrasen. Alle, die voll Mitleid umherstehen, können bei einem Beinbruch nicht helfen, bis auf den einen, der weiß, was er tun soll, und der es richtig macht.“

Was hier in dem Beispiel des Beinbruchs eine sehr klare und offensichtliche Situation ist, dürfte aber genauso für zwischenmenschliche „Beinbrüche“ gelten. Also erst wenn man den anderen wirklich „sieht“ im Sinne von Erkennen der Situation und Umstände, weiß man, was derjenige braucht und wie man frei und sicher reagieren kann. Interessant ist, dass das Mitgefühl ja in dem Beispiel enthalten ist, ohne dass es im Vordergrund steht! Und gleichzeitig wird dabei deutlich, wie auch die eigene Entwicklung mit allen erworbenen oder ausgebildeten Fähigkeiten, überhaupt erst etwas für andere tun kann. Fachkenntnis hilft, im Konkreten die Situation zu erfassen, z.B. kommt ein Arzt oder Pfleger mit Sentimentalität nicht weiter und handelt aber ganz selbstverständlich für den Menschen. Und man erwirbt sich Menschenkenntnis ja gerade dadurch, wenn man sich in einem Berufsfeld bildet und in Zusammenarbeit mit anderen einbringt. Mitleid und Liebe, wenn sie gar sehr betont werden, haben irgendwie etwas von Lüge. Hierzu noch ein weiterer Gedanke von Steiner, bei dem die Wirkung von falscher Liebe angesprochen wird:

„Allerdings ist das Verständnis für jede menschliche Seele etwas anderes, als was man oftmals im Leben Verständnis nennt. Im Leben ist die Liebe leider nur allzuhäufig egoistisch. Man liebt den – nun, zu dem man eben durch dieses oder jenes Verhältnis hingezogen ist, und im übrigen begnügt man sich meist mit dem, was man allgemeine Menschenliebe nennt: man liebt die allgemeine Menschheit. Was ist denn das? Man muss jede Menschenseele verstehen können. Vielleicht wird man nicht jede vortrefflich finden, aber das ist ja nicht schlimm, denn mancher Seele schadet man durch nichts mehr, als wenn man sie in blinder Liebe anhimmelt.“

Liebe und Verstehen werden hier in Verbindung gebracht. Liebe und Mitleid liegen ja nahe beieinander, ebenso wie Hass und Härte, die Gegenpole. Das Problem, dass das Fühlen, wie bei der blinden Liebe, oft sehr „emotional“ und wenig „empfindsam“ ist – emotional im Sinne von Wunsch- und Sehnsuchts-Gefühlen und empfindsam im Sinne von wahrnehmenden und erkennenden Fühlen – möchte ich an einem Beispiel schildern. In einer kürzlich gesendeten Dokumentation „Abiturienten als Entwicklungshelfer: sinnlose Kurztrips ins Elend“ kommt ganz gut heraus, wie Mitleid vermarktet, aber m.E. auch von den HelferInnen sehr emotional aufgefasst wird. Das wird von der Redaktion der Dokumentation bewusst mit bestimmten Begriffen benannt: „Soziale Komponente im Lebenslauf für viel Geld kaufen“, an die sich Wünsche nach „gutes Tun“, „Kinder glücklich machen“ knüpfen, ausgelöst von Werbeslogans  wie  „Wichtig ist, dass du flexibel, anpassungsfähig, lernwillig und voller Tatendrang bist. Dann kannst du überall deinen kleinen Entwicklungsbeitrag leisten.“. Geschickt wird hier mit Gefühlen und positiven Eigenschaften gearbeitet. Im Film wurde das als „Verkaufsschlager sind Projekte mit Kindern – große, dankbare Augen auf Bestellung“ genannt, was sicherlich im Wesentlichen richtig erkannt ist. Die Volunteers, die freiwilligen Helfer, wundern sich dann, dass die Kinder nicht dankbar sind, erkennen aber nicht die Situation. Die Schulleiterin einer afrikanischen Schule drückte sich so aus: „Eigentlich hoffe ich bei jedem Volunteer darauf, dass er unsere Probleme sieht, sein Herz öffnet und wirklich hilft.“ Und als die Journalistin fragte: „Mit Hilfe meinen Sie Geld?“, antwortete sie wie aus dem Herzen gesprochen: „Ja! Insbesondere das.“¹

Auch das Geld wäre hier eine Hilfe, die sehr unsentimental aber vermutlich wirksamer ist, vor allem in Bezug auf die Selbsthilfe. Es wird daran deutlich, wie Menschen, die helfen wollen, letztendlich doch bei sich selbst bleiben und wie das Verstehen der Situation des anderen sogar das Überwinden der eigenen Gefühls-Sehnsüchte erfordert.

Wie übt man aber nun das wahrnehmende Mitleid?

Im Leben kann man sich immer am besten üben. Es gibt verschiedene Situationen, in denen man aus der Notwendigkeit heraus reagiert und tut, was eben zu tun ist. Das sind meist alltägliche Pflichten. Man bemerkt z.B. dass der Abfluss verstopft ist und reinigt ihn, auch wenn es keine angenehme Arbeit ist. Man tut es aber dennoch aus dem Wahrnehmen der Außenwelt. Es gibt aber auch Situationen mit Menschen, wo man durch sein zutun etwas bewirken kann.

Anschaulich wird es in dem Märchen „Frau Holle“:
„… [Das Mädchen] kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.“ Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und rief ihm zu: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Da schüttelte es den Baum, daß die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm Angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: „Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehn. Du mußt nur achtgeben, daß du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, daß die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle. …“

Dem Ausschnitt geht voran, dass das Mädchen zuvor in einen Brunnen gefallen ist und in einer anderen Welt aufwacht, in die es später wieder zurückkehrt. Es begegnet in dieser anderen Welt dem Backofen mit den Broten, die zu ihm sprechen, und erkennt die Not der Brote, die zu verbrennen drohen. Ebenso folgt es dem Bedürfnis des Apfelbaums, dessen Äpfel reif zur Ernte sind, der sich aber selbst nicht ernten kann, der auf den Menschen angewiesen ist. Und als besondere Begegnung trifft sie auf Frau Holle, vor der sie erschrickt und am liebsten weglaufen möchte. Aber auch hier hört sie zu, sieht die Aufgabe und fasst Vertrauen. Das Wahrnehmen und Erleben im Außen oder eines anderen, im Märchen ist es ja die Frau Holle, leitet das Tun. Nicht die Gefühle um sich selbst leiten das Mädchen. Die Brote und der Apfelbaum werden zu lebendigen Wesen in dieser anderen Welt, sie sprechen wie wirkliche Wesen zu dem Mädchen. Und das Mädchen reagiert auf etwas Lebendiges, es erfüllt nicht nur seine Pflicht, ohne in Verbindung zu treten, dadurch fließt etwas Seelisches in die Handlung hinein. Ganz anders ist das Geschehen, als die Stiefschwester im Fortgang des Märchens den selben Weg geht. An sie kommt die lebendige Botschaft der Brote und des Apfelbaumes nicht heran, sie sieht nur den materiellen Aspekt, von dem sie eben keinen Nutzen hat – im Gegenteil, sie könnte sich verbrennen und sich schmutzig machen oder es könnte ihr womöglich ein Apfel auf den Kopf fallen, auch die Arbeit bei Frau Holle tut sie nur sehr halbherzig und widerwillig. Sie tritt nicht wirklich in eine seelische Anteilnahme und Verbindung, ist sich zu schade, scheut die Berührung mit der Außenwelt.

Auf das Üben bezogen, bedeutet dies, sich in der Haltung zu üben, stärker im Außen wahrzunehmen und im sehen zu erkennen, daran mitzuerleben und zu handeln. Oft ist es aber so, dass man erst im Nachhinein erkennt, was eigentlich in einer bestimmten Situation los war und würde im Nachhinein anders handeln. Man kann sich aber auch darin schulen. Eine Übung dafür ist Die „Rückschau des Tages“:
Man betrachtet rückwärts die verschiedenen Ereignisse Begegnungen, auch sich selbst und bleibt bewusst betrachtend. Die rückwärtige Reihenfolge erklärt Rudolf Steiner damit, dass man sich dadurch losreißt von den gewohnten Denkabläufen, die durch die Sinneseindrücke des Tages gelenkt werden. Gerade durch die Bemühung des ungewohnten rückwärtigen Betrachten, führt man die Aufmerksamkeit bewusster, man wird nicht fortgerissen von den Emotionen, sondern ist zunächst damit beschäftigt, was eigentlich da war. Und das, was da war soll im einfachsten Sinne frei vom Interpretieren sein: welche Kleidung trug die anderen Person, welche Farbe hatte sie, was war im Umfeld? Meine Erfahrung mit dieser Übung ist, dass das erneute Aufbauen der Erinnerungsbilder in der Übung zunächst das aufzeigt, was man alles nicht wahrgenommen hat, so dass man im Alltag dann wie von selbst mehr auf die Erscheinung des Anderen und der Umgebung achtet, also für kurze Momente einmal mehr beim anderen Menschen als bei sich selbst ist.

Ich erinnere mich noch gut, wie einmal ein Professor an der Fachhochschule für Gestaltung sagte, dass es schon merkwürdig ist, dass sich junge Leute für einen Beruf der kreativen Gestaltung des Alltäglichen Lebens bewerben, die nichtmal sagen können, wie der Türgriff der FH aussah. Damit appelierte er ebenfalls an die Wahrnehmung im Alltäglichen, als die Bewerber nämlich das FH-Gebäude betraten. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass wir immer weniger  innerlich in Berührung kommen mit den Dingen und Menschen um uns herum – auch bedingt durch die Technik, die ja vieles, was man vorher von Hand gemacht hat, übernimmt. Daher muss das meiner Meinung nach wieder aktiv getan werden, es geschieht nicht von selbst. Dafür aber auch etwas freier gewählt und nicht zwingend allein von der Notwendigkeit einer Pflicht abhängig.

In der Kunst, vor allem in den Anfängen, wo man wirklich das Beobachten lernen muss, z.B. indem ich etwas zeichne, bemerkt man gleichermaßen, wie man die Dinge auch besser versteht, was man plötzlich an einem Ding an Zusammenhängen entdecken kann. Dadurch macht man häufig die Erfahrung, dass eine Art Beziehung zu der Außenwelt entsteht, welche einen plötzlich wie ein reales Wesen „anblickt“. Vergleichbar wie die Brote im Märchen, die zu dem Mädchen sprechen. Damit ist aber einfach nur die seelische Realität gemeint und kein Sehen von Gespenstern oder andere Einbildungen.

Wie kann man im Yoga die Außenwahrnehmung schulen?

Über die körperliche Bewegung kann ebenfalls die Wahrnehmung geschult werden. Dafür muss man auch einen Zusammenhang schaffen und wissen, worauf man die Aufmerksamkeit lenkt. Z. B. kann das Verhältnis vom eigenen Körper und der Bewegung zum umgebenden Raum untersucht werden: Wie erlebe ich die Gliedmaßen? Was ist das charakteristische der Gliedmaßen im Verhältnis zum Rumpf?

Yogaübung Kamel, Skizze Luft wahrnehmenDie Yogaübung „Kamel“ (siehe Beitragsbild oben) führt besonders in der Bewegungsphase zum Erleben der Arme im Außenraum. Nun ist es für die Wahrnehmung sehr bereichernd, wenn man beispielsweise auf den Luftzug achtet, der mit der Armbewegung entsteht – ohne natürlich darin zu schwelgen, versteht sich. Der Luftzug wird ganz natürlich an der Haut wahrgenommen. Die Haut ist die äußerste Schicht, die Peripherie. So sollte bei der Übung das Wahrnehmen der Peripherie auch wirklich entstehen, selbst dann, wenn man darauf schon hundert Mal geachtet hat. Denn an der Peripherie kommen wir in Berührung mit dem Raum, wir sind nicht mehr so stark in uns selbst abgegrenzt. Das Bewusstsein wird mit der Wahrnehmung offener.

Yogaübung Kamel, Skizze KreisDann kann man mit der Bewegung auf die Form achten, die man gestaltet, so dass ein größtmöglicher Kreis gezogen wird. Man geht also vom Bild des Kreises in die Bewegung und achtet auf die Kreislinie, die mit den feinen Fingerspitzen gezeichnet wird. Die Arme dürfen dabei weit ausholen und der gesamte Oberkörper darf der Ausdehnung folgen. Damit entsteht wieder eine Wahrnehmung an der Peripherie der Kreisrundung und Fingerspitzen. Man erlebt sich mehr im Raum, als im Körper drinnen. Der Körper weitet sich, die Flanken dehnen sich und die Wirbelsäule erhält einen durchlaufenden Impuls.

Nun ist es gut, einmal im Kniestand der Übung innezuhalten, die Arme locker hängen zu lassen und nur auf den eigenen Körper zu achten: Kniestand, Aufrichtung, lockere Schultern und Arme, entspanntes Gesicht, entspannter Bauch und natürlich fließender Atem. Dann lenke man die Aufmerksamkeit nach außen: umgebender Raum, freier Raum, Luft. In diesen Raum streifen die Arme wie „fühlende Sinnesorgane“ hinaus. Wieder gehe man in die gleiche Bewegung, diesmal mit dem Gedanken des Einfühlens. Dabei sollte man aber nichts Fühlen wollen, das Gefühl entsteht von selbst! – Die Wahrnehmung geht über die Grenze des Körpers hinaus. Man kann sich dabei auch vorstellen, man würde aus dem Raum hinausgezogen werden. Wahrnehmen bedeutet offen sein für die Außenwelt, es kommt die Außenheit an die eigene Seele heran.

Yogaübung Kamel, Skizze den Außenraum wahrnehmen

Bei jeder Yogaübung kann man die Haltung im Verhältnis zum Raum untersuchen und dabei auf die Stellung und Bewegung der Gliedmaßen achten. Mal beschreiben Sie bestimmte Formen, ein anderes Mal sprießen sie hinaus und wieder ein anderes Mal kommen sie zur Ruhe oder sind sogar fixiert. Der Grundgedanke ist immer das Ich im Verhältnis zum Außenraum. Das wird in jeder Übung anders sein. Wichtig ist, dass man mit wachen Sinnen beteiligt ist!
Auch der „Drehsitz“ (siehe Großmut) wäre hier interessant: Die Bewegung der Arme im Außenraum, kombiniert mit der Drehung und dem neutralen Blick zurück. Die Drehung steht dabei analog zur mentalen Übung der Rückschau.

Abschließend wäre noch die Frage nach der Freiheit zu besprechen. Das freie und sichere Reagieren, wie es im unsentimentalen Beispiel des Beinbruchs gegeben ist, drückt eigentlich schon sehr viel über das Verständnis der Freiheit aus – besonders im Zusammenhang mit der Entwicklung der eignen Fähigkeiten, die den Handlungsspielraum erweitern. Die Freiheit versteht man gewöhnlich im grenzenlosen Tun-und-Lassen-Können, sich alle Wünsche erfüllen und allen Sehnsüchten nachgehen können. Man kann die Freiheit aber eben auch in den Möglichkeiten sehen, den Dingen einen bestimmten Lauf zu geben, Entwicklungen zu fördern, Beziehungen aufzubauen oder zu klären – eben nicht dem Lauf des Schicksals unterworfen zu sein, sondern selbst aus Erkenntnis eingreifen zu können. Darin liegen gerade die Möglichkeiten des Menschen.


1) Abiturienten als Entwicklungshelfer: sinnlose Kurztrips ins Elend (ARD Mediathek, ausgestrahlt auf verschiedenen Sendern)

Vorbereitung und Vertiefung

Ausdauer

– wird zu Treue. So lautet die Tugend im Monat Juni. Sie schließt sich dem Gleichgewicht des vorigen Monats an und leitet zur Selbstlosigkeit des nächsten Monats hinüber.

Das Üben der Ausdauer entwickelt sich zur seelischen Kraft der Treue. Stellt man sich vor, direkt die Treue leben zu wollen, dann fehlt noch irgendein Bezug, die Treue zu etwas bzw. die Ausdauer an etwas. Also muss noch etwas hinzukommen: Man benötigt eine Zielsetzung, einen Impuls, der eine neue Bewegungsrichtung einschlägt und damit einen Weg eröffnet.

Um also ein konkretes Ziel zu haben, haben sich die Schüler im Yogakurs eine āsana (Yogaübung) ausgewählt, welche sie verbessern möchten. Wir haben zunächst 2 Fragen an den Anfang gestellt:

  1. Welche Übung möchte ich besser können?
  2. In welcher Zeit ist das realistisch?
    Was ist bis zum Sommer, was ist bis Ende des Jahres realistisch?

Gerade der Zeitraum schien mir wichtig, um nicht den Leistungsaspekt, sondern vielmehr die Entwicklung in den Vordergrund zu stellen. Denn in dem Wort Ausdauer steckt die Dauer, die Langmut – das Gegenteil von Kurzlebigkeit und schnellem Erfolg. Daraufhin haben wir die Zusammenstellung der Übungsreihe je nach Teilnehmer gestaltet, die Wiederholung unter verschiedenen Aspekten, Variationen, Haltezeit … kurzum eine gewisse Intensität erzeugt. Interessanterweise kamen die Fortschritte sogar schneller als erwartet. Das lässt darauf schließen, dass allein die selbst gewählte Zielsetzung mehr in Gang gesetzt hat, als das Üben die vielen Monate und Jahre vorher ohne konkretes Ziel, was auch schon rel. intensiv war.

Was bedeutet es, ein Ziel für sich zu formulieren?

Wenn ich mir überlege, z.B. den Kopfstand in einer bestimmten Zeit lernen zu wollen, dann rückt er ganz natürlich stärker in die Mitte der Aufmerksamkeit. Dieses In-die-Mitte-Rücken dessen, was man sich überlegt und ausgewählt hat, ist ja bereits eine Aktivität der eigenen Mitte, der Individualität. Gewöhnlich übernimmt man vorgegebene Ziele, z.B. in der Ausbildung, im Studium oder in der Berufsausübung. Sich selbständig Ziele zu setzen, entspringt viel mehr der individuellen Freiheit. Das Individuum hat einen Bezug zum sog. Herz-Chakra oder Herz-Lotus, dem mittleren der 7 Energiezentren. Es ist das anāhata cakra, das unberührte, unversehrte, unbesiegbare, kräftige und aus sich selbst heraus klingende Energiezentrum in der Region des physischen Herzens. Diese Übersetzung des Wortes anāhata aus dem Sanskrit erinnert an das „Herz wie ein Löwe“ aus unserem Sprachgebrauch, ein Herz mit Wille und Kampfgeist. Es klingt etwas Feuriges hindurch, ein glühender Wille, kein hart fixierter Wille, sondern die Fähigkeit, sich für etwas erwärmen, sich begeistern zu können. So verstanden muss die auf ein Ziel gerichtete Langmut also nicht „langweilig“ sein, wenn sich der Wille an diesem Ziel entzünden kann.

Rudolf Steiner sieht die Ausdauer als eine Eigenschaft des „Herzlotus“ und formuliert sie insbesondere für die geistige Schulung, aber auch für jeden Menschen nachvollziehbar, folgendermaßen:

„Der Geheimschüler läßt sich nicht durch diese oder jene Einflüsse von einem Ziel abbringen, das er sich gesteckt hat, solange er dieses Ziel als ein richtiges ansehen kann. Hindernisse sind für ihn eine Aufforderung, sie zu überwinden, aber keine Abhaltungsgründe.“¹

Da klingt bereits die notwendige Bereitschaft und ein gesunder Kampfgeist hindurch, gemäß dem Sprichwort „Hindernisse sind dazu da, überwunden zu werden“. Man kann sich gut vorstellen, wie das Lernen auf ein Ziel hin anders wird, wenn man die Hindernisse von vornherein einbezieht und sogar als eine Aufforderung zur Auseinandersetzung ansieht und diese nicht scheut. Erst wenn das Ziel wirklich als falsch erkannt wird, sollte es aufgegeben werden. Solange es aber nicht unverhältnismäßig und lebensfern wirkt oder jeglicher gesunden Vernunft widerspricht, solange es nicht moralisch verwerflich und egoistisch ist und niemand dabei zu Schaden kommt, kann man sein Ziel getrost weiter verfolgen. Man erkennt bei diesen Überlegungen auch sogleich, ob es doch eher das eigene Gemüt ist, welches die Anstrengung scheut, ob es eine Ausrede ist oder ob es ein berechtigter Abhaltungsgrund ist.

Die Zielsetzung und die Ausdehnung der Wirbelsäule

Dieser Zusammenhang, sich mit Hindernissen auseinanderzusetzen, kommt sehr unmittelbar in der „Kopf-Knie-Stelleung“ zum Ausdruck. Wobei dieser Name eigentlich irreführend ist, da es eben nicht darum geht, mit dem Kopf zu den Knien zu kommen, sondern zunächst den Rücken zu strecken, die Wirbelsäule auszudehnen und aus dieser Dynamik den Körper zu schließen.

Kopf-Knie-Stellung, Beginn der Bewegung KOpf-Knie-Stellung, Dynamik und Offenheit Kopf-Knie-Stellung – Ruhephase innerhalb der SpannungenDie erste Phase der Ausdehnung ist sehr wichtig. Hier wird eine Art Streben erzeugt: Die Wirbelsäule wird durchgespannt und in eine strahlenförmige Längsbewegung gebracht. Dabei wird der eigene Wille aktiviert, da diese Ausdehnung entgegen der Schwerkraft gehalten werden muss.

Nachdem die erste Hürde der Anstrengung genommen wurde, können die Arme wieder in die Gelöstheit geöffnet werden. Auch die Aufmerksamkeit geht wieder nach außen und führt zur Wahrnehmung und Empfindung der Weite des Raumes. Aber jetzt hat sich eine erste tragende Kraft etwa in der Mitte des Rumpfes beim Sonnengeflecht angelegt, aus der der führende Impuls kommt.

Die Bewegung wird in einem weiten Ansatz nach vorn in die geschlossene Form geführt. Man geht in die köperlichen Spannungen und Hindernisse hinein. Hierbei lernt man aber auch, damit umzugehen. Das bedeutet z.B., den Willenseinsatz an der richtigen Stelle zu halten, die Schhultern zu lösen und den Atem frei fließen zu lassen.

Die körperlichen Spannungsverhältnisse selbst zu gestalten ist eine wichtige Aktivität im Yoga. Wir verstehen die Yogaübung nicht als Heilmittel gegen Stress o.ä., vielmehr ergründen wir die Gesetze der Formen und Bewegungen. Nur so können wir selbstständig Yoga üben, wenn wir wissen, worum es in der Übung geht. paścimottān āsana, wie diese Yogaübung ursprünglich heißt, bedeutet „Streckung der Rückseite“. Diese Streckung in der Vorwärtsbeuge ist ja eine Bewegungsrichtung nach außen. Die Wirbelsäule dehnt sich über ihr gewöhnliches Maß hinaus aus. Das ist das Primäre bei dieser Übung, dass wir nicht in die Abgeschlossenheit nach innen gehen, selbst in der geschlossenen Haltung der Endstellung bleibt das Bewusstsein wach. Diese Bewegung nach außen ist in ihrem Einsatz vergleichbar damit, auf eine Sache zuzugehen oder eben ein Ziel anzustreben. Dabei kommt man gewöhnlich an die Grenze desjenigen, was man bisher konnte. Wir bleiben aber nicht bei dem, was wir schon können, sondern wir wollen uns weiter entwickeln. Schafft man es, in der Übung trotz der unangenehmen Dehnungen und Blockaden „dran zu bleiben“ und sich nicht zu sehr von den Spannungen ablenken zu lassen, dann wird das Wahrnehmen und Fühlen freier und tritt stärker in Beziehung zu dem, was da ist, das ganze Erleben taucht bewusster ein in die irdischen Verhältnisse. Wir tauchen dann nicht in unsere eigene Innenwelt ein, sondern gehen in die Auseinandersetzung. Darin drückt sich die Ausdauer auf seelischer Ebene aus, dass wir die Übung nicht sogleich verlassen, wenn sie unangenehm ist, sondern sie in ihrem Wesen ergründen.

Der Philosoph Schopenhauer drückt es sogar als einen Genuss aus, Hindernisse zu überwinden:

„Sich zu mühen und mit dem Widerstände zu kämpfen ist dem Menschen Bedürfnis, wie dem Maulwurf das Graben. Der Stillstand, den die Allgenugsamkeit eines bleibenden Genusses herbeiführte, wäre ihm unerträglich. Hindernisse überwinden ist der Vollgenuss seines Daseins.“²

Der Vollgenuss – die Freude in der Ausdauer und Herausforderung, weil man sich selbst entwickeln kann! Das Bild des grabenden Maulwurfes ist wohl scherzhaft aber sicher auch nicht ganz zufällig gewählt: es deutet auf das Ergründen der Materie hin. Denn bei diesem Graben und Durcharbeiten in der (noch) dunklen Tiefe lernt man die Materie kennen. Und je mehr man sie neu kennen lernt, umso lichter wird sie und umso mehr lässt man das Bisherige zurück. Darin deutet sich schon die nächste Monatstugend an: die Selbstlosigkeit, sich selbst vergessen können!

Ziele aus Selbsterkenntnis

Nun kann besonders bei solchen Zielen, die man sich unabhängig von vorgegebenen Strukturen setzt, welche eben aus eigenen Überlegungen motiviert sind, eine andere Eigenschaft zum tragen kommen, die mit dem Lotus beim Kehlkopf zusammenhängt:

„Das sechste betrifft das menschliche Streben. Der Geheimschüler prüft seine Fähigkeiten, sein Können und verhält sich im Sinne solcher Selbsterkenntnis. Er versucht nichts zu tun, was außerhalb seiner Kräfte liegt; aber auch nichts zu unterlassen, was innerhalb derselben sich befindet. Andererseits stellt er sich Ziele, die mit den Idealen, mit den großen Pflichten eines Menschen zusammenhängen. Er fügt sich nicht bloß gedankenlos als ein Rad ein in das Menschentriebwerk, sondern er sucht seine Aufgaben zu begreifen, über das Alltägliche hinauszublicken. Er strebt danach, seine Obliegenheiten immer besser und vollkommener zu machen.“³

Das charakteristische für die Eigenschaften der „Lotusblume“ beim Kehlkopf, dieses Nervengeflechtes in Verbindung mit der Schilddrüse, ist das Innehalten und abwägen: Man unterbricht dieses Triebwerk der alltäglichen Abläufe und überlegt, wo man steht:

  • Wo liegen meine Fähigkeiten?
  • Was habe ich bisher gelernt?
  • Wie könnte ich sie erweitern?
  • Was könnte ein nächster Schritt sein?
  • Wo werden sie benötigt?

Diese Selbsteinschätzung der persönlichen Fähigkeiten gemäß der eigenen Kräfte aus sorgfältiger Überlegung regt das Lernen im Leben an, sie ist aber auch für eine realistische Zielsetzung notwendig. Das betrifft einerseits, das eigene Können überhaupt zu sehen, dann die eigenen Kräfte einzuschätzen und schließlich auch sich mit den Fähigkeiten in der richtigen Weise in die Umgebung zu integrieren. Die Zielsetzung beginnt mit solchen Überlegungen also im Bewusstsein und verbindet sich mit der Ausdauer an diesen Zielen mit dem Herzen.

Wie entsteht nun schließlich die Treue?

Ich denke, sie ist die Beziehung, die in der wiederholten Hinwendung, Auseinandersetzung und Bemühung, dem Opfer des Bisherigen und dem wachsenden Willen zu einem Neuen entsteht. Vielleicht kann man in diesem Sinne auch sagen, die Treue ist die Liebe zu einer Auseinandersetzung, die Neues hervorbringen möchte.

Zuletzt zum Verständnis eine kurze Übersicht der Zielsetzung auf unterschiedlichen Ebenen:

  1. Ziele auf der physischen Ebene – eine Sache beginnen und abschließen
  2. Ziele auf der seelischen Ebene – z.B. Mut, Aufmerksamkeit, Großzügigkeit, Ausdauer, Standhaftigkeit und Geduld uvm.
  3. Ziele auf der geistigen Ebene – Studium der Geisteswissenschaft, daraus Ideale für die Menschheit und Kultur in Gedanken bewegen, einen Sinn für Neues und Zukünftiges entwickeln

Auf jeder Ebene wird eine bestimmte Art der Ausdauer geschult. Und je mehr das Ziel sich in Richtung der geistigen Ebene bewegt, so eindeutig sind die Ebenen ja in Wirklichkeit nicht voneinander getrennt, wird auch Geduld notwendig. Man wird verschiedene Erfahrungen machen, wenn man sich Ziele setzt und Ausdauer daran entwickelt. Etwas Wesentliches scheint mir zu sein, dass man überhaupt ins Leben eingreift, sich eine Führung gibt und sich mit den eigenen Fähigkeiten besser verbindet, so dass eine tragende Kraft aus der eigenen Persönlichkeit, eben eine Vertiefung der Fähigkeiten und dadurch eine Beziehung zum allgemeinen Leben entsteht. Das kann auch schon eine Erfahrung bei der oben beschriebenen Übung sein: das Erleben der Vertiefung in der Ausdauer. Die Vertiefung bedeutet wiederum Beziehung und die Beziehung dürfte nichts anderes sein als die Treue.


1) Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten, (PDF) S. 128
2) Arthur Schopenhauer (1788 – 1860), deutscher Philosoph; Quelle: Schopenhauer, Parerga und Paralipomena, 1851. Erster Band. Aphorismen zur Lebensweisheit. Kapitel 5: Paränesen und Maximen.
3) Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten, (PDF) S. 121

Gleichgewichtsstellung Zehenspitzenstand

Gleichgewicht

… wird zu Fortschritt. So lautet die Monatstugend im Mai. Man könnte auch sagen, das Üben des Gleichgewichts führt zur rhythmischen Harmonisierung, indem wir z.B. verschiedene Übungen abwechseln, aufeinander abstimmen und das Lernen damit in einen Aufbau führen. Rudolf Steiner, der das Gleichgewicht als Tugend mit dem Fortschritt in Verbindung gebracht hat, versteht unter Gleichgewicht aber nicht eine langweilige Mitte, sondern eine ausgewogene Vielfalt, eben das Gegenteil von Einseitigkeiten. Weiterlesen

Yogaübung Kamel, Ruhephase

Devotion – eine Tugend …

… die hier als Ehrerbietung, Verehrung oder Ehrfurcht zu verstehen ist. Auf die Großmut im Sinne der Weisheit und Übersicht, die im März als Übung mit wachem Haupt gegeben war, folgte nun im April eine Geste der Verneigung. Denn die Devotion wird auch mit Hingabe und Demut umschrieben. In ihr liegt aber weitaus mehr, als nur das Haupt zu senken. Wie sie zu verstehen ist, soll in diesem Artikel beschrieben werden.

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Yoga – Drehsitz

Großmut – die Tugend im März

Im Yoga gibt es verschiedene Ebenen des Übens. Man kann die Muskulatur aufbauen, die Dehnfähigkeit erweitern und allgemein den Körper beleben.  Über die Wahrnehmung und Erweiterung des Erlebens kommt die seelische Ebene zur Geltung. Geistig sind wir beteiligt, indem Beobachtung entwickelt und schlichtweg über die Übung nachgedacht wird, z.B. darüber, was die innere Haltung in einer Körperübung ist – die innere Haltung einer Tugend.

Die vorige Tugend, die innere Haltung der Diskretion, vermittelt Eigenschaften wie Ruhe, Sorgfalt und Sensibilität in der Wahrnehmung. Diese kamen in der Körperübung vor allem in den verschiedenen Phasen der Übung zum Ausdruck: innehalten, ruhig werden, beobachten und das Zuviel an Spannung herausnehmen und dann erst in die nächste Bewegung gehen.

Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften weckt nun die Großmut?

Die Worte mit der Endung „…mut“ bezeichnen den Ausdruck einer inneren Seelenverfassung: Anmut, Hochmut, Frohmut, Unmut, Sanftmut, Starkmut, Kleinmut, Großmut, Langmut, Freimut, Gleichmut, Edelmut, Demut, usw. oder auch jemandem etwas zumuten.

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Yogaübung Halbmond Vorbereitung

Die Diskretion – Februarübung

Das Üben der Monats-Tugenden nach Rudolf Steiner.

„Diskretion wird zu Meditationskraft“ …

… so wird ein Aspekt der seelisch-geistigen Entwicklung angedeutet. Die Yoga-Übung selbst kann diese Entwicklung nicht bieten, denn sie ist eine äußere Körperhaltung, die Tugend ist eine innere Seelenhaltung. Die Yogaübung könnte aber ein künstlerischer Ausdruck der Seele werden, wenn ein Sinn für die Seelenhaltung entsteht. Vielleicht mag man denken, ein Mensch hat diese oder jene Tugend ein anderer nicht, als sei der Mensch von der Natur determiniert und könne nichts hinzu entwickeln. Rudolf Steiner empfahl hingegen, Tugenden konkret zu üben. Er nannte zu jeder Tugend eine bestimmte seelische Kraft, die sich aus dem individuellen Üben entwickeln kann. So wie sich bei der Tugend des Mutes „Erlöserkraft“ entwickeln kann, so sieht er als Ergebnis des Übens der Diskretion die „Meditationskraft“. Weiterlesen

Sonnengebet – Hund

Das Sonnengebet

Das Sonnengebet oder der Sonnengruß – in Sanskrit sūrya namaskāra – ist ein Zyklus von sich öffnenden und schließenden Bewegungen, die fließend ineinander übergehen. sūrya heißt Sonne und namaskār „ich grüße“. Es wurde ursprünglich in Indien Richtung Osten, zur aufgehenden Sonne hin ausgeführt, was aber für uns nicht wesentlich ist. Die westliche Bezeichnung Sonnengebet ist deshalb vom Sinn her sehr passend, weil die Übung mehr als nur ein Körpertraining ist. In ihr spiegeln sich die Rhythmen des Lebens zwischen den Polaritäten wieder: Tag und Nacht, Sommer und Winter, Sprießen und Welken … Einatmen und Ausatmen, Öffnen und Schließen, Anspannen und Entspannen usw. Weiterlesen