Als ich mit der Beschäftigung mit Yoga begann, das war so etwa 1992, wurde mir zunehmend bewusst, dass Yoga, das ja ursprünglich aus Indien stammt, heute im Westen eine neue Art der Vermittlung braucht. Damals begannen immer mehr Menschen Yoga für sich zu entdecken. Allerdings wurde Yoga schon damals immer mehr als eine Art Fitness- und Lifestyle-Technik praktiziert und ich ahnte, dass man sich so immer mehr von den eigentlichen Wurzeln des Yoga entfernen würde. Im Yoga, so sagte ich mir, steckt eigentlich viel mehr Potential, als bekannt ist. Das wollte ich damals kennen lernen und vermitteln lernen. So führte mich mein Weg auch zu Heinz Grill, bei dem ich dann 1993 eine Yogalehrerausbildung gemacht habe.
Heinz Grill sagte schon damals, dass Yoga, wenn er rein als technisches Konzept mit Übungsfolgen praktiziert wird, den Entwicklungsnotwendigkeiten der heutigen Zeit nicht mehr gerecht werden kann und er entwickelte ein mehr künstlerisches Umgehen mit den Übungen. Das hat mir gefallen und ich habe in den folgenden Jahren als Yogalehrer versucht, das immer mehr auszugestalten und praktisch in den Kursen umsetzbar zu machen - erst im Saarland, dann in Östereich und ab 2003 in Heidelberg und Karlsruhe. So kam es dann 2004 zur Gründung des adhikara Studios in Heidelberg.
Ich kann auf zwei Weisen Yoga praktizieren. Einmal kann ich mir sagen. „Was ist der effektivste Weg, damit die Yogaübung mir mehr Kraft, Lebensfreude, Konzentration und Ruhe vermittelt? Was ist das effektivste Übungssystem? Wie kann mir Yoga am meisten nutzen?“ Das ist die heute übliche Herangehensweise an Yoga.
Ich kann mir aber auch sagen: „Was kann ich von der Übung über das Leben lernen? Was drückt sie eigentlich aus? Welches Lebensgesetz verbirgt sich hinter dieser Bewegung, dieser Geste des Körpers? Wie entsteht diese Leichtigkeit und doch Fülle und Spannkraft in der Übung?“ Ich kann also von der Übung lernen.
Die erstere Herangehensweise stärkt die Persönlichkeit und äußere Kraft. Da ist Yoga eben unheimlich effektiv. Deshalb ist es ja auch so beliebt. Die Leute sind begeistert, wie gut sie sich nach einer Yogastunde fühlen. Was aber dabei auf der Strecke bleibt, ist die innere Seite des Yoga. Wenn ich sage: „Die Übung selbst interessiert mich eigentlich nicht, was ich will, ist möglichst viel Energie, die ich aus ihr ziehen kann“, dann wird Yoga zu einem System, in dem der heute schon so stark unsere Kultur dominierende Egoismus sich einer alten indischen Technik bemächtigt und diese in seinen Dienst stellt. Die Menschen verarmen innerlich, wenn sie so etwas auf Dauer machen, weil da genau die Haltung drin steckt, die Yoga zu überwinden anstrebt: Das rein materielle Nutzprinzip, das alles nur dahingehend beurteilt, wieviel Nutzen ich aus einer Sache ziehen kann.
Der Osten hat das nicht so stark. Da war Yoga nie eine Sache, der man sich nur mit der Suche nach dem reinen Nutzen für einen Selbst angenähert hat. Da ging es, wie Sri Aurobindo - einer der großen Lehrer des Yoga, mit dem ich mich viel beschäftigt habe - es ausgedrückt hat, immer um Entwicklung und eine Veredelung des Menschseins. „Alles Leben ist Yoga“ fasste er es zusammen, alles Leben steht in einer immerwährenden Aufwärts- und Höherentwicklung, und Yoga ist es, wenn ein Mensch diese Möglichkeiten ergreift und sich selbst beginnt zu „kultivieren“.
Und dazu sind die Yogaübungen eben ein wunderbares Medium. Ich kann mich damit als ganzer Mensch kultivieren, eine positive Wirkung auf andere und das Leben allgemein entfalten und mein schöpferisches, kreatives Potential ins Leben hineinbringen.
Die meisten Menschen vergessen heute ja immer noch, dass in ihnen selbst die Macht und die Kraft liegt ihr Leben selbstbestimmt zu führen, das sie nicht den Umständen ausgeliefert sind. Beim Yogaüben steht das im Mittelpunkt. Uns das wollte ich im adhikara Studio von Anfang an vermitteln.
Ja. Klar wollen sie das. Das dürfen sie ja auch! (lacht) Man kann das ja auch niemandem verdenken. Die Leute haben Rückenschmerzen, sie sind gestresst, haben Beziehungsprobleme und Ängste vor der Wirtschaftskrise und dann wollen sie eben mit Yoga ein wenig Abstand davon gewinnen.
Mein Weg beim Unterrichten ist dann der, den Leuten das durchaus zu geben was sie wollen, aber dann halt darüber hinaus das Interesse für die andere, die tiefere Seite des Yoga zu vermitteln.
So teilt sich das dann auf. Ein Teil möchte nur mal einen Anfängerkurs machen und freut sich über die kompetente Vermittlung und ein anderer Teil der Besucher entdeckt das für sich und „fängt Feuer“, beginnt sich tiefer mit den Übungen zu beschäftigen. Ich habe damals, als ich hier den Unterricht noch mehr selber gemacht habe, immer versucht, beiden Interessensgruppen gerecht zu werden.
Ich danke ebenfalls!
(vom 18.5.2010)


