adhikāra

Der Begriff adhikāra stammt aus dem Sanskrit und wird in verschiedenen Zusammenhängen verwendet. Im alltäglichen Gebrauch wird er für „Befugnis“, „Qualifikation“ oder „Autorität“, z.B. in einem Amt oder einer Position, verwendet. In der Erziehung bezieht er sich auf die Anlagen des Menschen, die individuell gefördert werden sollen. Im Zusammenhang des Yoga bedeutet adhikāra verschiedene Ebenen des Übens, welches die körperliche Fertigkeit, die seelsiche Ebene des Wahrnehmens und Empfindens und das geistige Forschen anstreben kann. Jede Ebene hat ihre eigene Berechtigung und soll zu einer guten Entwicklung kommen.

Was bedeutet Autorität im tieferen Sinne?

Was im äußeren Leben mit der „Befugnis“ oder „Berechtigung“ bezeichnet wird, kann auch in Zusammenhang mit den individuellen Anlagen gedacht werden. Jeder Mensch besitzt durch seine Fähigkeit eine Gabe und stellt dadurch auf diesem Gebiet eine Autorität dar, sofern die Gabe entwickelt wird. Autorität ist hier also im Sinne des Fachmanns im Bereich der Anlagen und Fähigkeiten zu verstehen.
Grammatikalisch steht das Wort adhikāra im Vokativ, d. h. es ist eine Anrufung. Es müsste daher genau genommen als „Mensch, in dir liegt ein Experte verborgen“ verstanden werden, also als eine Aufforderung zur Entwicklung: „Werde eine Autorität in deinem Bereich!“ Es spricht also in dieser Form das, was im Menschen steckt an und genau genommen den Prozess der Entwicklung dahin, sein angelegtes Talent so zu einem Können auszubilden, dass der Mensch auf seinem Gebiet etwas zu sagen hat und zur Autorität wird. adhikāra als Appell an das Innere, Tiefer-Liegende im Menschen würde ich deuten mit:
Folge deinem inneren Ruf – folge deiner Berufung!

Es spielt dabei keine Rolle, von welcher Art die Fähigkeiten sind. Sie können sich sehr lebensnah auf handwerkliche und körperliche Tätigkeiten beziehen, auf der seelischen Ebene gestalterisch-künstlerischer und sozialer Fähigkeiten oder auf gedanklich-geistige Bereiche. Diese Art der adhikāra-Entwicklung bedeutet daher eine Einordnung in das Leben: Nicht da, wo andere stehen, ist der eigene Platz zu suchen, sondern da, wo die eigenen Talente und Qualitäten liegen, kann die Entwicklung beginnen. In diesem Sinne heißt es auch in der Bhagavad Gītā¹:

Besser ist, das eigene Gesetz des Wirkens, swadharma, zu erfüllen, auch wenn es an sich noch fehlerhaft ist, als das Gesetz eines anderen, auch wenn es vollkommener ist. Den Tod im Gehorsam gegen das eigene Wesensgesetz zu erleiden, ist vorzuziehen. Gefährlich ist es, einem fremden Wesensgesetz zu folgen.²

Sri Aurobindo über adhikāra und Berufung

Sri Aurobindo² (Indien, 1872-1950) sieht in der Berufung weniger einen Lebenswunsch, sondern den „Ruf des höchsten Selbst“ und  leitet seine Erläuterung zu dem Begriff adhikāra mit dem so wichtigen Hinweis ein, dass alle Wesen in der Entwicklung zu einem Guten im Sinne des Geistigen sind:

Alle Wesen sind für den indischen Geist Teile der göttlichen, sich entwickelnden Seelen und ihnen ist die letztendliche Erlösung und Befreiung in den Geist sicher. Alle müssen fühlen, wie das Gute in ihnen wächst oder, wahrhaftig, die Gottheit in ihnen sich selbst findet und bewusst wird, die ultimative Berührung und den Ruf ihres höchsten Selbst und durch diese Berufung die Anziehung zum Ewigen und Göttlichen.³

Das Gute oder Göttliche im Menschen beschreibt er als ein Wachsendes und Bewusstwerdendes. Er sieht die Berufung als Berührung, eine Art höchste Inspiration, die zum Ewigen führt. Jedoch weist er in diesem Zusammenhang auf Unterschiede der inneren Bewusstseinsentwicklung hin. Er spricht damit die Reife einer Seele an:

Aber im Leben gibt es unendlich viele Unterschiede zwischen Mensch und Mensch; einige sind mehr innerlich entwickelt, andere sind weniger reif, viele, wenn nicht die meisten, sind Kinderseelen, unfähig zu großen Schritten und schwierigen Anstrengungen. Jeder muss entsprechend seiner Natur und seiner Seelenbeschaffenheit behandelt werden.

In den Unterschieden dieser inneren Reife sieht er eine Berechtigung und weist damit auf einen sozialen Aspekt von adhikāra hin, welcher gerade für die Pädagogik von Bedeutung ist. Eine Pädagogik, die nicht jedem Menschen das gleiche Prinzip des Lernens aufzwingt, sondern bei seiner individuellen Seelenbeschaffenheit ansetzt.

Er unterscheidet weiterhin drei Stufen der geistigen Reife bezüglich Körper, Seele und Geist. Er betrachtet die geistige Reife hinsichtlich der Offenheit oder Empfänglichkeit des Bewusstseins für Spiritualität:

Es kann jedoch eine allgemeine Unterscheidung zwischen drei Haupttypen gemacht werden, die sich in ihrer Offenheit für den spirituellen Anreiz oder für den religiösen Einfluss oder Impuls unterscheiden. Diese Unterscheidung ergibt eine Staffelung in drei Stufen des wachsenden menschlichen Bewusstseins. Ein primitiver, schlecht geformter, noch nach außen gerichteter, noch vital und körperlich gesinnter Mensch kann nur durch Mittel geführt werden, die seiner Unwissenheit entsprechen. Ein anderer, entwickelterer und fähig zu einer viel stärkeren und tieferen psycho-geistigen Erfahrung, bietet ein reiferes Menschensein, begabt mit einer bewussteren Intelligenz, einer größeren lebendigen oder ästhetischen Offenheit, einer stärkeren ethischen Naturkraft. Ein Dritter, der reifste und am weitesten entwickelte von allen, ist bereit für die spirituellen Höhen, geeignet, die erhabenste höchste Wahrheit Gottes und seines eigenen Wesens zu empfangen oder zu erklimmen und die Gipfel der göttlichen Erfahrung zu betreten.

Abschließend führt er die traditionelle Begrifflichkeit des Yoga ein:

Der tantrische Unterschied besteht zwischen dem Tiermenschen, dem Heldenmenschen und dem göttlichen Menschen, pasu, vīra, deva.

Es mag vielleicht abwertend klingen, wenn vom „Tiermenschen“ gesprochen wird. Tatsächlich ist aber die Ebene gemeint, die der Mensch mit dem Tier gemein hat: der Trieb, zu überleben, aber noch nicht der Antrieb, sich höhere Ziele auf seelischer oder geistiger Ebene zu setzen.
Letzteres entspräche schon mehr dem „Heldenmenschen“, was für unsere Zeit wahrscheinlich ebenso befremdlich klingt, da doch gerade der Held scheinbar nur konventionellen Erwartungen Genüge leisten will. Ebenso wie die Autorität, ist aber auch der Held eher innerlich zu verstehen. Er ist derjenige, der ein edles, rechtschaffenes und bewussteres Leben führt, der in der Lage ist, sich in schwierigen Umständen weiter zu entwickeln, der niedere Anlagen in höhere verwandeln kann.
Und schließlich könnte die Bezeichnung des „göttlichen Menschen“ abgehoben oder auch anmaßend klingen. Von kirchlicher Seite, wird dem Menschen keine Erkenntnisfähigkeit zugesprochen und damit wird ihm auch die Fähigkeit, sich zu einem real höheren Bewusstsein zu entwickeln, abgesprochen. Im kirchlichen Sinne ist der Mensch also noch unmündig. In der östlichen Spiritualität wird aber gerade dieses Ziel des Mündig-Werdens als Weg verstanden. Auch Rudolf Steiner hat mit der Anthroposophie Grundlagen zu einem westlichen Schulungsweg geschaffen, der den Menschen in einen kosmisch-geistigen Zusammenhang stellt und ihm diese Entwicklung zu einem selbstbestimmten Leben mit geistiger Erkenntnis als etwas Realistisches zugänglich machen möchte.

Die Mündigkeit des Menschen

adhikāra, die sich entwickelnde Seele, spricht in dem beschriebenen Zusammenhang den Mut zur Mündigkeit im Menschen an. Die Mündigkeit ist jedem Menschen gegeben und trägt die Freiheit in sich, seinem Leben neue Impulse zu geben, die eigene Entwicklung und Urteilsbildung selbst aufzugreifen, egal welchen gesellschaftlichen Standes und ebenso unabhängig von Konfessionen und anderen Autoritäten.

adhikāra bezieht sich mit dem anfangs erwähnten inneren Menschen auf das Ich des Menschen, das sich Ziele auf allen drei Ebenen des Lebens setzen kann:
– auf der materiellen (Körper oder allgemein das äußere, sichtbare Leben)
– auf der seelischen (z.B. die Entwicklung von Tugenden) und
– auf der geistigen Ebene, ein gedachtes Ideal das aber bereits aus der Zukunft wirkt und, einfach ausgedrückt, auf die Entwicklung und Realisierung wartet. Rudolf Steiner beispielsweise hat dieses Ideal als die Entwicklung von Freiheit und Liebe als eine nächst höhere Stufe der Menschheit beschrieben.

Dieses Mündig-Werden halte ich in der Zeit, in der wir leben, für etwas sehr Wichtiges – egal wo jeder Einzelne steht. Es beginnt mit Überlegungen, wie man das eigene Leben gestalten, wie man sich Ziele setzen kann. Der Begriff „Gestaltung“ ist mir deshalb sehr lieb, da in ihm ein sehr individueller Prozess liegt und gestalten flexibler bleibt, als z.B. konzipieren, da es die Entwicklung einbezieht. Man kann sich durch sinnvolle Inhalte im Leben anregen lassen, nach und nach einen Sinn dafür entwickeln und dadurch die Dinge im Leben anders umsetzen als bisher.

In diesem Sinne hoffe ich, dass mein Unterricht auch inhaltlich anregend für die Übenden im adhikāra Yogastudio wirkt. Die Kurse sind so gedacht, dass jeder einen eigenen Bezug zur Bewegung und Körperhaltung bekommt. Jeder kann für sich Schwerpunkte setzen, je nachdem ob man einfach nur Freude an der Bewegung hat und auf der körperlichen Ebene Fortschritte mit einer gesunden Flexibilität und Stabilität machen möchte, ob man einen seelischen Ausgleich und eine Art künstlerisches Empfinden sucht oder ob man über die „innere Haltung“ der Übungen tiefere Lebenszusammenhänge ergründen möchte.


¹ Bhagavad Gītā heißt „der Gesang des Erhabenen“ und ist Teil des Mahābhārata-Epos („die große Geschichte der Bhārata“), eine hinduistische Überlieferung, die wiederum den Smriti („was erinnert wird“) angehört. Siehe auch Wikipedia
² Vers III.35, aus dem Sanskrit ins Englische übersetzt von Sri Aurobindo, erschienen in Deutsch bei Hinder + Deelmann.
³ Von Sri Aurobindo in Englisch verfasst, davon ausgehend von mir ins Deutsche übersetzt.