Vorträge und Artikel über Yoga

Heilwirkung durch Bewusstseinsbildung
am Beispiel von Rückenschmerzen

Dr. med. Gnter Weis und Bernhard Spirkl
Dieser Artikel erschien im Dezember 99 in der Zeitschrift “CoMed”

Dieser Artikel beschreibt zum einen die schon mehr bekannten Heilwirkungen von Yogaübungen, zum Beispiel die Verbesserung der Haltung oder die positiven Effekte auf das Nervensystem. Zum anderen soll auf wichtige Wirkungen eingegangen werden, die vor allem durch eine zusätzliche Bewusstseinbildung des Patienten möglich werden.

Das Menschenbild des Yoga untergliedert sich (vereinfacht) in drei Ebenen:

  • Den physischen Körper
  • Das Bewusstsein oder die Seele
  • Den Geist (das Selbst), das Ich oder die Individualität

Yoga strebt aus einem ganzheitlichen Verständnis heraus Heilung immer auf allen diesen drei Ebenen an.

Diese Vorgehensweise wird in diesem Artikel am Beispiel der häufigen Problematik ”Rückenbeschwerden“ geschildert. Gerade diese Problematik, die wir wahrscheinlich primär als körperliche Störung einordnen würden, hat vielfältige Wechselwirkungen zum Bewusstsein und zum Geist. Diese sind noch sehr wenig bekannt sind, bzw. werden nicht berücksichtigt, obwohl sie unserer Erfahrung nach für eine erfolgreiche Therapie ausschlaggebend sind.

Nach der obigen Gliederung bestehen drei Ebenen der Wirkung und damit Therapieansätze, die im folgenden einzeln beschrieben werden sollen:

  1. Therapieansatz, der sich aus den anatomischen Verhältnissen der Rückenmuskulatur ableitet: Die Kräftigung des unteren Rückens und die Entlastung des oberen Rückens.
  2. Therapieansatz einer Bewusstseinsbildung:
    Die Förderung eines lebendigen Interesses und die Entwicklung einer wachen Aufmerksamkeit.
  3. Therapieansatz eines geistigen Studiums
    Die Auseinandersetzung mit inspirierten Schriften, Meditation.

Die drei Stufen verlangen eine zunehmende Eigenaktivität von dem Betroffenen. Während die Kräftigung der Muskulatur des Rückens noch durch eine spezielle Übungstechnik bewältigt werden kann, muss beim 2. Ansatz schon eine änderung in der Bewusstseinshaltung eintreten, die unter Umständen eine monate- bzw. jahrelange Arbeit bedeutet. Therapieansatz 3 wird nicht für jeden Betroffenen in Frage kommen. Er erfordert eine hohe Bereitschaft zur inneren Aktivität, ist jedoch erfahrungsgemäss auch bei schwierigen Krankheitsbildern von tiefgreifender Wirkung.

1.Therapieansatz:

Die Kräftigung des unteren Rückens und die Entlastung des oberen Rückens.

Die Spannungsverhältnisse eines gesunden Rückens ergeben sich aus der Anatomie.

Im unteren Bereich des Rückens, wo die Muskulatur am kräftigsten ist, wo auch die Wirbelsäule am massivsten ausgebildet ist, sollte die grösste Spannkraft gegeben sein. Im Schulter und Nackenbereich wird die Wirbelsäule immer zarter und beweglicher. Hier sollte mehr die Gelöstheit und Beweglichkeit zu finden sein.

Heute ist meist ein umgekehrtes Verhältnis gegeben. Im unteren Rücken fehlt die Festigkeit und Stabilität, was dann zu den bekannten Erscheinungen wie Haltungsschäden, Minderdurchblutung und Degeneration, Veränderungen an den Bändern und Knorpeln, bis hin zu Bandscheibenvorfällen führt. Im Schulter-Nacken-Bereich ist ein Zuviel an Spannung, mit der Problematik von Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit insbesondere auch des Atemapparates.

Nun lässt sich ausgehend vom Wissen um diese Spannungsverhältnisse schon ein wichtiger Therapieansatz ableiten:

Die Kräftigung des unteren Rückens und die Entlastung des oberen Rückens. Diesen Ansatz findet man in der Rückenschule und auch in der Krankengymnastik. Auch der Yoga fördert in seiner Übungsweise dieses günstige Spannungsverhältnis.

Zum Beispiel bei der Körperübung "Bogen" liegt, wie bei vielen, die grösste Spannkraft im unteren Rücken, während der Schultergürtel-Nackenbereich eher gelöst gehalten wird.

Aus energetischer Sicht wird für die Stärkung der Wirbelsäule vor allem eine Anregung des Manipura-Chakra in Frage kommen. Dieses Energiezentrum sitzt in etwa in Nabelhöhe und steht mit dem Plexus solaris in Verbindung. Die Anregung der Chakren geschieht durch die spannkräftige Ausführung von bestimmten Yogaübungen auf recht gute Weise. Allerdings spielt bei der Energetisierung der Chakren auch schon das Bewusstsein des Übenden eine Rolle. Jedenfalls ist zu bemerken, dass ein Übender, der die Aufmerksamkeit auch in die Sonnengeflechtsregion lenkt, eine viel stärkere Anregung erfährt als ohne Lenkung der Aufmerksamkeit. Man sieht an diesem Beispiel schön die Mittelposition der Chakren zwischen Bewusstseins und Körper. Eine Anregung ist von beiden Seiten her möglich.

Eigenschaften des Manipura-Chakra sind vor allem eine gediegene Festigkeit im Bewusstsein und eine Unbeschwertheit von ängsten, aus der eine Weite und Zuversicht für das Leben erwachsen kann. Ein Yogalehrer wird daher bei Rückenbeschwerden den Übenden langsam durch Übungen und Hinweise auf das Sonnengeflecht und seine Dynamik zu einer Stärkung und Energetisierung dieses wichtigen Zentrums führen.

Zu beachten ist in der Praxis die Tatsache, dass für eine dauerhafte Stärkung und Entwicklung eines Energiezentrums wie dem Manipura-Chakra die zugehörigen charakterlichen Eigenschaften entwickelt werden müssen, es sind dies vor allem eine Entschlossenheit, Ausdauer, und Bereitschaft zur Selbstüberwindung, also Aspekte die den Willen betreffen. Die Anregung mit Übungen (also Therapieansatz 1) kann zu einer kurzfristigen Energetisierung des Zentrums beitragen und damit eine Art "feinstofflichen Impuls" in Richtung dieser Eigenschaften setzen. Die langfristige Entwicklung des Zentrums benötigt bereits Therapieansatz 2., die eigenaktive Arbeit am Bewusstsein.

2. Therapieansatz:

Die Förderung eines lebendigen Interesses und die Entwicklung einer wachen Aufmerksamkeit, Bewusstseinsbildung.

Jeder kennt die Erfahrung, dass die äussere Körperhaltung auch die psychische Verfassung widerspiegelt. Sitzen wir eher desinterressiert im Sessel, so sinkt die Wirbelsäule gerne in sich zusammen. Sind wir dagegen mit Interesse und Aufmerksamkeit bei einer Sache, so richtet sich der Rücken meist auch auf.

Noch eine weitere wichtige Wirkung der wachen Aufmerksamkeit lässt sich bei diesem Beispiel gut sehen. Man findet bei einem interessierten Menschen eine innere Freude, oder etwas überspitzt ausgedrückt ein "Strahlen vor Begeisterung". Dies entspricht dem Gegenteil einer Interesselosigkeit, eines Abgestumpftseins oder einer depressiven Verstimmung.

Auf eine ganz natürliche Weise erlebt man diese lebendige Aufmerksamkeit und die damit verbundene Freude bei Kindern, vorausgesetzt, dass sie in einer einigermassen gesunden Umgebung aufwachsen. Ihnen fällt es noch relativ leicht, unbefangen auf etwas zuzugehen, mit wachen Augen zur Welt hinzuschauen, immer wieder Neues zu entdecken. Dieses Neu-entdecken führt auch zu einer Aufrichtung und Belebung des Organismus.

Dieser einfache Zusammenhang zeigt, wie eng die Bewusstseinshaltung mit dem Körper in wechselseitiger Beziehung steht. Heinz Grill hat in einem Vortrag (enthalten in seinem Buch: "Die Entwicklung eines schöpferischen Denkens und Empfindens") einige Zusammenhänge aus einer geistigen Schau heraus geschildert. Er führt die degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates vor allem auf einen gestörten "Lichtstoffwechsel" zurück:

"Das Symptom, das wir vorfinden, allgemein in der Belastung des Bewegungsapparates, in der steifen Muskulatur, die mit der Zeit den Rücken lähmt und degenerieren lässt, ist ein Zeichen unserer Zeit. Die Ursache liegt im fehlenden Licht oder auch in der fehlenden Wärmekraft, aber vorrangig ist es das Licht, das fehlt (...) Es entsteht ein Ungleichgewicht im Körper, das über die Symptome des Körpers allein nicht wirklich behandelt werden kann."

Diese aus geistiger Forschung stammende Aussage von der Existenz eines Lichtstoffwechsels findet seit einigen Jahren eine deutliche Unterstützung durch die Forschungen des Biophysikers Fritz-Albert Popp und anderer, welche in letzter Zeit vor allem durch das Buch "Biophotonen-Das Licht in unseren Zellen" von Marco Bischof bekannt wurden.

Heinz Grill beschreibt den Lichtstoffwechsel auch in engem Zusammenhang mit der Kieselsäure:

"Wir kennen das Defizit von Kieselsäure an verschiedenen Krankheitsbildern. Als einfache Beispiele können wir einmal einige Krankheitsbilder herausgreifen. (in der Folge werden candida albicans, Osteoporose und Haltungsschäden genannt, A.d.V.) Freilich, in der Medizin wird nicht der Hintergrund angenommen, dass sie wesenhaft auf Kieselsäuremangel zurückzuführen sind. Das ist auch nicht das einzige, sondern der Kieselsäuremangel, das Silicea oder der Quarz, der zuwenig ist, der sich nicht richtig dynamisch entfaltet, ist ein Ausdruck dafür, dass im Lichtstoffwechsel eine Unordnung besteht."

Als eine erste Möglichkeit zur Stärkung des Lichtstoffwechsels empfiehlt Heinz Grill eine Umstellung in der Ernährung, hin zu lichtreichen Nahrungsmitteln, wie Getreide und Obst. Weiterhin weist er jedoch darauf hin, dass bei einem gestörten Lichtstoffwechsel immer das Bewusstsein, bzw. die Bewusstseinshaltung zu einem gewissen Grade ausschlaggebend ist.

"Der Lichtstoffwechsel, der im menschlichen Organismus nicht nur ein von aussen kommender, sondern auch ein seelischer, von innen heraus wirkender, einzigartiger, persönlicher Strahlprozess ist, könnte mit einem anderen Wort ausgedrückt werden und damit als realistisches Leben und Wesen verständlich werden. Der Lichtstoffwechsel ist der reine Gedankenwille oder auch der reine Gefühlswille. Er ist mehr der freie Gedanke in der Konzentration. Der reine Gedanke führt zu reinen Empfindungen, er befreit die Empfindungen und bringt ein Wahrheitsbewusstsein mit einer unverkennbaren, eindrucksvollen Strahlkraft. (...) Die Ursache für diesen gestörten Lichtstoffwechsel liegt immer in einer entglittenen, überladenen oder von Sorge bedrängten Gedankenbildung."

Diese Gedanken sind nun nicht ganz so leicht zu verstehen, da sie aus einer direkten Schau der Zusammenhänge zwischen Bewusstsein und Körper stammen. Was im Sinne des Yoga mit dem "reinen Gedanken" oder dem "Gedankenwillen" bzw. dem "Gefühlswillen" gemeint ist, bedürfte einer längeren Erläuterung. Vielleicht können die Ausführungen aber durch eine einfache Betrachtung lebensnaher Zusammenhänge etwas verständlicher werden:

Unser Bewusstsein ist heute in den meisten Fällen nur noch sehr eingeschränkt zu einer zielgerichteten und klaren Aufmerksamkeit fähig. Ein kleiner Selbstversuch kann es zeigen: Man muss nur einmal den Versuch machen, für fünf Minuten ruhig seinen Atem zu beobachten. Es wird in den wenigsten Fällen gelingen, wirklich in dieser Betrachtung zu verweilen. Eine ruhige und doch wache Aufmerksamkeit ist uns heute meist gar nicht mehr möglich. Die Umwelteinflüsse, denen wir ausgesetzt sind, bewirken genau das Gegenteil einer wachen und ruhigen Aufmerksamkeit. Sie führen zu einer Zersplitterung der Aufmerksamkeit.

Unsere Zeit ist geprägt von den Medien, von nach Aufmerksamkeit heischender Werbung. Im Medienkonsum findet in gewissem Sinn das Gegenteil wirklicher Aufmerksamkeit statt. Durch den enorm schnellen Wechsel der Bilder zum Beispiel beim Fernsehen oder beim "surfen" im Internet muss unsere Aufmerksamkeit ständig springen. Sie wird dazu erzogen, sich gerade nicht die Zeit zu nehmen, länger bei einer Sache zu bleiben. Dadurch ist es nicht mehr möglich, das Gesehene auch bewusst zu verarbeiten, zu "verdauen". So wird es immer schwieriger, sich auf eine gesunde Weise tiefer mit der Sache zu verbinden, mit der man sich beschäftigt.

Man kann dies auch bei Kindern beobachten, die sehr viel fernsehen. Ihnen fällt es viel schwerer mit ihrer Aufmerksamkeit und vielleicht auch mit ihrer Freude und Begeisterung bei dem Lehrer und bei dem Unterrichtsstoff zu sein. Die eigene Aktivität, zum Lehrer, zur Welt hinzublicken ist geschwächt.

Das ist insgesamt schon ein sehr bedenkliches Zeichen, da neben den aufbauenden und belebenden Kräften auch ein gesundes Lernen, Entwickeln und Reifen sehr von dieser eigenen Aktivität abhängt, die Welt zu betrachten und sich zu ihr in Beziehung zu bringen.

Darüber hinaus ist dieses "Springen der Aufmerksamkeit" auf die Dauer für das Nervensystem sehr erschöpfend. Nervöse Unruhe bis hin zur nervösen Erschöpfung sind die Folgen.

In diesen Umweltfaktoren dürften, neben anderen Einflüssen, auch die Ursachen für den gestörten "Lichtstoffwechsel" zu suchen sein.

Nun gibt Yoga konkrete Möglichkeiten, um dieses aufmerksame, lebendige Beziehungsverhältnis in Gang zu bringen. Eine Möglichkeit sind die Körperübungen des Yoga, vorausgesetzt sie werden durch eine bewusste innere gedankliche Aktivität des Übenden getragen.

Damit kommt zu der körperlichen Wirkung noch eine Wirkung auf das Bewusstsein hinzu. Diese entsteht z. B. dadurch, dass während der Übung (zum Beispiel bei dem oben abgebildeten Bogen) der Übende auch mit seiner Aufmerksamkeit aktiv ist. Er beobachtet aufmerksam die Spannungsverteilung, die Atembewegung oder einen anderen Aspekt der Stellung.

Beim Praktizieren von Yogastellungen tritt man sich selbst in gewisser Weise gegenüber. Man beobachtet wie ein stiller Zuschauer, was sich im Körper und im Bewusstsein während des Übens ereignet. Man erlebt beispielsweise, wie sich der Atemrhythmus und die Intensität der Atmung während einer Übungsreihe beständig verändern. Man erkennt, dass der Atemrhythmus nicht nur durch die Körperhaltung bzw. den Grad der Anstrengung bestimmt ist, sondern auch von der Art der Bewusstseinshaltung abhängt. Je ruhiger und geordneter das Bewusstsein, desto feiner ist das Strömen der Atmung. Diese Art der Aufmerksamkeit wirkt vor allem durch die Ordnung und Ruhe, die dadurch im Gedankenleben entsteht.

Ein Yogaübender muss damit eine gewisse Aktivität aufbringen, um mit seiner Aufmerksamkeit bei einem bestimmten Bereich zu bleiben. Er trainiert diese Fähigkeit zur Konzentration und erfährt eine Kräftigung seiner "inneren Spannkraft". Dies verbessert die Rückensituation indirekt in günstiger Weise. Ein wieder erwachendes Interesse für die Umgebung fördert die gesamte Stoffwechselaktivität des Organismus. Die Belebung des Stoffwechsels sorgt für eine bessere Regeneration der oft stark abgenutzten Knorpelgewebe an der Wirbelsäule.

Von einer wachen Aufmerksamkeit geht unserer Ansicht nach auch eine wichtige "antidepressive" Wirkung aus.

Dem Depressiven fällt es im allgemeinen sehr schwer, lebendig an seiner Umgebung teilzunehmen, was sich auch in seiner oft etwas zusammengesunkenen Körperhaltung zeigt. Gerade das, was dem Depressiven am meisten fehlt, die Anteilnahme, der wache Bezug zu seiner Umgebung, wird durch eine derartige Schulung des Bewusstseins gefördert.

Neben den Körperübungen gibt es im Yoga auch mentale Übungen zur Bewusstseinsbildung.

Eine davon soll hier beschrieben werden:

Übung zur Bewusstseinsbildung:
Das aufmerksame Betrachten einer Person

Ein günstiger Zeitpunkt für diese Übung ist der Abend, sehr gut geeignet ist die Zeit unmittelbar vor dem zu Bett gehen. Die Übung dauert etwa 10 bis 15 Minuten.

Man wählt das Bild einer Person aus, die einen interessiert.

Hilfreich ist es auch, sich aufrecht hinzusetzen (auf einen Stuhl, auf einen Meditationshocker oder im Schneidersitz), da es in der aufrechten Sitzhaltung viel einfacher ist, wach zu bleiben.

Dann beginnt man das Bild zu betrachten. Die ganzen eigenen Erinnerungen zu der Person werden nun bewusst einmal etwas zurückstellt. Man bemüht sich , unbefangen an die Betrachtung heranzutreten, denn die Erinnerungen, die man zu diesem Menschen gespeichert hat, drohen sonst die neuen Eindrücke aus der Beobachtung zu überlagern.

Man bemüht sich, nur wahrzunehmen und das Bild auf eine ruhige und möglichst entspannte Weise zu betrachten.

Fragen können nun zur Betrachtung hinzukommen: Welche Farbe haben die Haare? Sind sie gelockt oder glatt? Oder man achtet auf die Augen. Sind sie hell oder dunkel? Eher mild oder etwas streng? Wie ist die Haltung? Ist sie mehr aufrecht oder scheint der Mensch eine Last zu tragen? ....etc.

Durch die Fragestellungen bilden sich klare Gedanken in Zusammenhang mit der betrachteten Person. Diese Gedankenbildung ist sehr wichtig.

Die konkrete Besinnung führt man mindestens 3 Tage lang jeweils 10 bis 15 Minuten durch.

Obwohl man vielleicht diesen Menschen schon länger kennt, wird man nun Dinge wahrnehmen, die man vorher noch nicht gesehen hat. Eine solche Betrachtung belebt die Beziehung und bringt uns auch dem betreffenden Menschen wirklich näher. Sie bringt uns mehr in eine lebendige, von Gedanken und feineren Empfindungen getragene Beziehung zur Wirklichkeit.

Neben den geschilderten Möglichkeiten existieren noch viele andere, welche hier aus Platzgründen nicht geschildert werden können.

3. Therapieansatz

Die Auseinandersetzung mit inspirativen Schriften, Meditation.

Die Zielsetzung des Yoga war von jeher auf die Erkenntnis der eigenen höheren Wesensnatur gerichtet. Diese Bemühung um Wahrheitssuche gründet sich in der Vorstellung, dass im Menschen noch ein enormes, unentfaltetes Potential an seelisch-geistigen Fähigkeiten verborgen liegt. Heilwerdung ist deshalb nach Ansicht des Yoga immer auch mit einer Entfaltung und Entwicklung dieses inneren Potentials verbunden. Es ist heute eine Einsicht, die sich auch in der Heilkunde immer mehr verbreitet, dass die innere Haltung des Kranken, seine Fähigkeit zu Vertrauen, seine Zuversicht und sein Glaube an das Leben gerade bei schweren Krankheiten ausschlaggebend für eine Heilung sein können.

Eine einfache, und unserer Erfahrung nach sehr wirkungsvolle Möglichkeit, diese Qualitäten zu fördern, kann das Lesen in sogenannten "inspirativen Schriften" sein.

Inspirative Schriften sind von Menschen geschrieben, die selbst einen Bezug zu der übersinnlichen Realität des Geistes besitzen.

Dies wären im Westen etwa die christlichen Mystiker oder die Evangelisten, große Geistesforscher, wie Rudolf Steiner und Heinz Grill, aber auch Dichter, wie Novalis oder Goethe. Im Osten wären es vor allem die grossen Yogameister wie Ramakrishna, Sivananda oder Sri Aurobindo.

Wohlgemerkt geht es nicht darum, sich durch das Lesen in solchen Texten ein religiöses Weltbild aufzubauen. Vielmehr soll die innere Ahnung um die Existenz eines größeren, weisheitsvollen, dem Leben zugrundeliegenden Geistesprinzips gestärkt werden. Aus dieser Ahnung entwickelt sich eine innere Festigkeit und ein Vertrauen, das im besten Sinne heilsam auf das ganze persönliche Leben zurückwirken kann.

Voraussetzung ist jedoch, dass eine Sympathie, ein inneres Interesse und auch eine Anerkennung von solchen Schriften und den Menschen, die sie verfasst haben, vorhanden ist. Wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, ist es besser, auf eine Arbeit mit Texten zu verzichten.

Eine bestimmte Übungsmethode allein, und sei sie auch noch so ausgeklügelt, wird nicht zum Erfolg führen können. Der Erfolg hängt hauptsächlich von der Intensität ab, mit der eine innere Beziehung zu dem Gelesenen entsteht. Daher empfiehlt es sich, Biographien der entsprechenden Personen zum Studium hinzuzunehmen. Erst aus dem tieferen Verständnis und Einfühlungsvermögen, das durch die Betrachtung der individuellen Lebensläufe entsteht, kann meist eine Beziehung zu den inspirativen Inhalten erwachsen.

Beim Lesen in inspirativen Schriften ist es hilfreich auf einige Punkte zu achten, die in der folgenden Übung näher beschrieben werden.

Übung:
Die Auseinandersetzung mit den Werken inspirierter Menschen.

Man wählt sich nach eigener Neigung ein entsprechendes Werk zum Studium aus.

Es ist günstig, nicht zu schnell vorzugehen. Man nimmt sich für eine Woche nur einen bestimmten Abschnitt vor. Eine günstige Zeit für diese Übung ist der Morgen, am besten kurz nach dem Aufstehen. 10 bis 15 Minuten beschäftigt man sich jeweils nur mit einigen, wenigen Sätzen, prägt sie sich ein und wiederholt diese, wenn möglich, abends auch wieder für 10 bis 15 Minuten. Am nächsten Tag geht man zu den nächsten Sätzen weiter. Dieses Einprägen und verinnerlichen der Sätze ist ein wesentlicher Bestandteil der Übung.

Es geht darum, mit der Aufmerksamkeit bei dem noch unbekannten Werk zu bleiben. Günstig ist es auch, beim Lesen in Gedanken zu bewahren, daß die meditativen Inhalte aus einer tieferen Schau und anderen Wahrnehmung zum Leben entspringen. Sie können nicht durch den analytischen Verstand ergründet werden. Dadurch erst kann nach und nach das Werk eines Menschen, der in einem anderen Bereich gegründet ist, als nur im gewohnten Irdischen, immer mehr in die eigene Erfahrung kommen.

Die wachsende eigene Erfahrung dessen, "dass es da noch etwas anderes gibt", führt zu Vertrauen, Gelassenheit und einer inneren Stärke.

Nun können Gedanken hinzukommen, die als Fragestellungen die Beschäftigung mit den Texten begleiten. Zum Beispiel:

"Was will der Autor sagen?"

"Welche Dinge betont er besonders?"...etc.

Nachfolgend möchte ich noch ein Beispiel eines solchen inspirierten Textes geben.

“Das Lesen aber erfordert zudem auch eine wirkliche Offenheit für eine neue und unbekannte Wirklichkeit. Viele Suchende verstehen die Gedanken anspruchsvoller Schriften nicht, da sie durch eigene Vorstellungen und Glaubensinhalte gefangen sind. Werke von grossen Yogameistern, Originalschriften von Heiligen, Bücher von Philosophen und namhaften Denkern sind nicht einfach im üblichen Sinne zu lesen und zu verstehen. Eine innere Weisheit wie auch eine tiefere sakrale Kraft lebt in vielen dieser Werke. Liest das Auge ohne innere Beteiligung und ohne eine sich bildende Vorstellung über die Zeilen hinweg, so wird man dadurch den Kern der Werke nicht erfassen und keine tiefere Wahrheit erleben können. Die Offenheit für die Gedanken, die gleichzeitig eine nicht passive, sondern eine aktive, entschiedene Aufmerksamkeit auf die Worte darstellt, ist notwendig und führt zu jenem sich weitenden Gedanken- und Empfindungssinn, der wie ein Licht das Innenleben erhellt.”
(aus Heinz Grill, Yoga und Christentum, S. 138)

Diese Aktivität eines Aufnehmers von inspirativem Gedankengut führt bei einiger Ausdauer und Geduld (meist sind Jahre notwendig) zu einer Entfaltung des sechsten Energiezentrums, des Ajna-Chakra, das in der Stirnmitte lokalisiert ist und nach Aussagen der Yoga-Wissenschaft mit der Hypophyse in Verbindung steht. So wie die Hypophyse eine zentrale Rolle im gesamten Hormonhaushalt spielt, führt ein entfaltetes Ajna-Chakra zu einer neuen energetischen Steuerung des Bewusstseins und indirekt auch des Körpers. Das Bewusstsein kommt zu einer tieferen Wahrnehmungsfähigkeit, welche nicht nur die Sinneswelt umfasst.

Diese Kraft eines erwachenden Bewusstseins für den Geist richtet den ganzen Körper auf ästhetische und sensible Weise auf. Sie schenkt eine Heilung nicht nur für Wirbelsäulenbeschwerden, sondern wird den ganzen Körper auf feine Weise verwandeln.

Bernhard Spirkl

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Literatur:

Marco Bischof "Biophotonen-Das Licht in unseren Zellen" Zweitausendeins,Frankfurt

Grill, H.: "Harmonie im Atmen", Hugendubel Verlag, München

Grill, H.: "Die Entwicklung eines schöpferischen Denkens und Empfindens-am Beispiel der Anatomie und Physiologie des Körpers", Lammers-Koll-Verlag

Grill, H.: "Yoga und Christentum", Lammers-Koll-Verlag

Dr.med. Günter Weis war 1993 bis 1995 am Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg in der Abteilung Gesundheitsförderung tätig. In diesem Zeitraum absolvierte er auch seine Ausbildung zum Yogalehrer bei Heinz Grill. Seitdem arbeitet er als Arzt in der Gesundheitsbildung und Yogalehrer bei verschiedenen Institutionen, unter anderem auch als Lehrbeauftragter an der Fachhochschule für Sozialpädagogik in Nürnberg.