Vorträge und Artikel über Yoga

Indien - Quelle alter und moderner Geistigkeit

Ein Essay von Bernhard Spirkl

Bharat, nennen die Inder liebevoll ihr Heimatland. Auch heute noch gilt Asien, aber insbesondere Indien als die Wiege der religiösen Kultur. Rätselhaft und gewaltig, aus urfernen Zeiten sprechen die Zeugnisse alter indischer Mysterienweisheit über Weltschöpfung, Geist und Geisterreiche, über Yoga und die Geheimnisse der Befreiung des Menschen von dem Leiden der Welt und dem Rad der Wiedergeburt.

Auch wenn die religiösen Urkunden nachweislich erst einige Jahrhunderte vor der Zeitenwende niedergeschrieben wurden, gibt ihnen man auch heute noch in Indien ein Alter von 8000 Jahren und mehr. Als Urheber der in den Veden niedergelegten Weisheit, die jahrtausendelang nur mündlich in Gesängen tradiert worden sein soll, gelten die rishis, weise "Seher", die die Gesetze des Himmels und der Erde geschaut und erlauscht haben.

Jahrtausendelang konnte sich in dem Land südlich des Himalaja eine Geisteskultur entfalten, deren Schätze wohl auch heute noch kaum erkannt sind, ja die in Europa wohl erst im letzten Jahrhundert wirklich wahrgenommen und gewürdigt worden ist. So schreibt zum Beispiel der Philosoph Arthur Schopenhauer über die Upanishaden, einem Teil der Veden, des ältesten überlieferten Schrifttums indischer Kultur: "Die belohnendste und erhebendste Lektüre die auf der Welt möglich ist: sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens sein. "

Aus dem reichen Schatz indischer Spiritualität ragt vor allem die Bhagavad-Gita, der "Gesang des Erhabenen" hervor, ein Zwiegespräch zwischen Krishna und Arjuna, seinem Schüler. Krishna lehrt darin seinen Schüler, der mitten in den Wirren einer Schlacht Zuflucht zu seiner Weisheit sucht, die ewigen Gesetze des Yoga.  Schritt für Schritt wird Arjuna aus seiner Verzweiflung und Niedergeschlagenheit über die Widersprüche der Welt von Krishna zum spirituellen Gesetz des "Handelns im Nichthandeln" hingeführt und erkennt am Ende Krishna in einer visionären Schau als die Verkörperung Gottes. Diese Erkenntnis der wahren Wesensnatur des Selbst erhebt ihn über seine vielen Zweifel und macht es ihm möglich, aus tieferer Erkenntnis heraus sein Werk zu Ende zu führen. Vielen spirituellen Suchern in allen teilen der Welt ist die Bhagavad-Gita zu einer Quelle tiefster Inspiration geworden, zeigt sie doch in ungewöhnlicher Klarheit den Weg des Yoga, der vom Nichtwissen (avidya) zum Wissen (vidya) führt.

Yoga wurde in Indien immer als ein solcher Weg der Initiation, der Einweihung in die Erfahrung höherer Welten und ihrer Gesetze, aufgefaßt, und  als solcher praktiziert. Die im Westen bekannt gewordenen Formen des Raja-Yoga, des "königlichen Weges", oder des Hatha-Yoga mit seinen Körperübungen, den Asana, sind nur Teilbereiche aus der großen Vielfalt der Lehrgebäude.  Aber auch sie waren nicht Systeme der Körperertüchtigung oder psychologischen Harmonisierung, sondern ursprünglich Wege, die zu dem Ziel der Gott-Einigung führen sollten.

Während im Westen sich die Wege von Kunst, Wissenschaft und Religion im Laufe der Jahrhunderte immer weiter voneinander entfernten, bildeten sie in Indien, wie auch in ganz Asien, immer mehr oder weniger eine Einheit. Kunst zu schaffen, war ein Übungsweg, um zu spiritueller Vervollkommnung und tieferen Einsichten zu gelangen. Religion war gleichzeitig auch exakte Wissenschaft des Geistes und Lebenskunst. Yoga hatte und hat damit Elemente aus Kunst, Wissenschaft und Religion in sich vereint, ja lebt eigentlich erst aus dieser Synthese.

Die Größten dieses Volkes waren nicht wie in Europa die Politiker und Monarchen, die Entdecker, Erfinder und Eroberer, sondern die großen Seher, Eingeweihten und religiösen Führer. In Indien war, zumindest bis zum Anfang des 20. Jahrhundert die Religion kulturprägend, kulturbestimmend. Dies aber nicht in Form einer Kirche oder Institution, sondern immer in einzelnen Persönlichkeiten, die vom Volk als Führergestalten verehrt wurden. Beinahe jeder Inder kennt auch heute noch die Namen Ramakrishna, Vivekanda, Swami Sivananda, Mahatma Ghandi oder Sri Aurobindo und  Sai Baba.

Die große Zeit des Yoga und der Bhagavad-Gita, diese Jahrtausende zurückliegende indische Kulturblüte, von deren Größe heute nur noch monumentale Tempelanlagen ein stummes Zeugnis ablegen, ist nun längst vergangen. Indien hat in den letzten Jahrhunderten schwere Erschütterungen erfahren. Wie eine Flutwelle, strömte westliches, vor allem anglikanisch geprägtes Gedankengut über ganz Indien hinweg, und drang auch bis in die kleinsten Dörfer und Dschungel vor.

Es ist nicht ganz einfach, zu sagen, ob das heutige Indien noch Kontakt zu den Wurzeln seiner eigenen Vergangenheit hat. Wie in allen Teilen der Welt hat die moderne Kultur, westliche Bildung und Technik Einzug gehalten und viele der großen Metropolen Indiens sind zu modernen Großstädten herangewachsen , die sich nicht mehr sehr viel von anderen Teilen der Welt unterscheiden.

Viele der großen Persönlichkeiten Indiens sahen in dieser Situation dringenden Handlungsbedarf : Indien dürfe seine Religiösen Wurzeln nicht verlieren, es habe eine Aufgabe innerhalb der sich neu formierenden und globalisiernden Welt. Indien solle der Weltfamilie die Gabe der Spiritualität vermitteln.

So könnte man das Bemühen Vivekanandas und Aurobindos, sowie Gandhis in wenigen Worten zusammenfassen, obwohl natürlich jede dieser Persönlichkeiten unterschiedliche Schwerpunkte in ihrem Leben und Handeln setzte. Ein Gedanke war ihnen jedoch gemeinsam: Eine Renaissance der indischen Geisteskultur, nicht die bloße Wiederbelebung des Alten, sondern eine neue Hochblüte, aus der Kraft der alten Wurzeln, war in ihren Augen das Ziel und die Bestimmung des Indischen Volkes.

Die Grundlagen für diese Renaissance wurden von ihnen gegeben, bisher hat sie aber noch nicht stattfinden können. ähnlich wie in Europa, wo die Impulse Goethes, Schillers und vieler anderer deutscher, französischer, italienischer und englischer Kulturgrößen in den Wirren zweier Weltkriege und der Teilung der Welt in zwei sich feindliche Machtblöcke praktisch völlig untergegangen sind, hat Indien bisher nicht die Kraft gefunden seine einstige innere Größe wiederherzustellen.

Sowohl Europa als auch Asien die einstigen "Kulturgroßmächte" liegen darnieder  und haben ihre innere Kraft zur Erneuerung eingebüßt. Europa, und vielleicht in etwas geringerem Maße Asien sind zu einem  großen Teil  von fremden, sehr materialistisch geprägten Werten und Idealen bestimmt. Die "Weltkultur" wie sie gegenwärtig sich "globalisiert" ist kein harmonisches Zusammenspiel vieler verschiedener Aspekte und Nuancen, sondern fast ausschließlich geprägt vom "american way of life": Film, Musik, Ernährung, Kleidung und wirtschaftliche Strukturen gleichen sich mittlerweile überall auf der Welt.

Doch wo und wie finden wir einen Ausweg aus dieser Krisensituation? Wo finden wir die Impulse, welche zu einer Wiedergeburt der Kultur, im Osten wie auch im Westen, führen könnten?

Sri Aurobindo, den diese Frage Zeit seines Lebens beschäftigt hat, schreibt:

"Es gibt keinen größeren Irrtum als die Annahme, wie sie der "praktische" Mensch gewöhnlich hegt, daß Denken nur eine schöne Blüte und einen feinen Schmuck des Lebens darstellt, und politische, wirtschaftliche und persönliche Interessen die bedeutenden und wirksamen Bewegkräfte menschlichen Handelns sind. Wir erkennen an, daß dies eine Welt des Lebens und Handelns und sich entwickelnder Organismen ist. Aber Leben, das sich nur durch vitale und materielle Kräfte zu führen sucht, ist langsames, dunkles und stümperhaftes Wachstum. Es stellt den Versuch dar, den Menschen der Weise vegetabilen und animalischen Seins anzupassen. Die Erde ist eine Welt des Lebens und der Materie, aber der Mensch ist weder Pflanze noch Tier. Er ist ein geistiges und denkendes Wesen, das hier ausgesetzt ist, um die animalische Gestalt für höhere Zwecke, durch höhere Motive, mit einem eher göttlichen Werkzeugcharakter zu bilden und zu benutzen."

Sehr deutlich stellt Aurobindo hier ein spirituelles Menschenbild, das den Menschen als geistiges, denkendes Wesen sieht, neben die Weltsicht des "praktischen" Menschen, welche heute die Weltkultur bestimmt.

Die geistige Kraft des Menschen, seine Fähigkeit schöpferisch Tätig zu sein, ist das, was ihn von dem Tier und der Pflanze unterscheidet, was ihn eben auch befähigt, "kulturschaffend" zu werden. Diese Schöpferkraft findet gegenwärtig jedoch fast nur dort Anwendung, wo sie Gewinn für ein äußeres Wohlergehen verspricht und eine Weiterentwicklung von Macht und Technik zu Ziel hat. Sie steht, um in der Terminologie Aurobindos zu bleiben, unter der Herrschaft des "Vital" und dient dem menschlichen Bedürfnisleben, welches ohne Läuterung und Steuerung aus der Seele nicht von einem tierischen Bedürfnisleben zu unterscheiden ist. Eine verhängnisvolle Umkehrung unseres Wesens bestimmt damit unser Leben und unsere Kultur. Das geistige, denkende Wesen dient dem animalischen, statt "die animalischen Gestalt für höhere Zwecke, durch höhere Motive, mit einem eher göttlichen Werkzeugcharakter zu bilden und zu benutzen."

Diese Verleugnung des menschlichen Geistes, oder der Mißbrauch der Geisteskraft zur ausschließlichen Förderung der materiellen und vitalen Natur des Menschen ist vor allem für den Westen charakteristisch.

Das spirituelle Menschenbild ist von allem Anfang an die Grundlage der indischen Kultur gewesen. Dort ist es, folgt man Aurobindos Sicht weiter, jedoch in der Vergangenheit in einer Art Überbetonung des spirituellen Aspektes gekommen und zu einer damit verbundenen Sehnsucht, die materielle Welt zugunsten einer persönlichen Befreiung und Nirvanaerfahrung ganz hinter sich zu lassen. Auch darin sieht Aurobindo eine Sackgasse der Entwicklung.

Er selbst ist somit kein typischer Vertreter der alten indischen Geistigkeit. Er ist in England zur Schule gegangen, hat in Cambridge studiert und die klassische griechische und die moderne europäische Dichtung und Philosophie begeistert gelesen. Für ihn ist weder die Verleugnung des Geistes, noch die Verleugnung der Materie ein Weg, auf dem die Entwicklung des Menschen und der Welt voranschreiten könne. In seinen Werken über den "integralen Yoga" legt er dar, wie die seelische Qualität des Menschen, zum Erwachen gebracht werden soll, um dann aber nicht immer weiter in ein weltfernes Nirvana oder spirituelles Glückserleben aufzusteigen, sondern um die anderen Wesensglieder des Körpers und des Bewußtseins beherrschen und führen zu lernen, ja sie letzten Endes selbst zu "transformieren" oder zu vergeistigen und damit eine neue Kultur, ein neues Zeitalter der Menschheitsgeschichte zu begründen.

Alle Kulturen und ihre großen Philosophen und spirituellen Lehrer standen vor der zentralen Anforderung Geist und Materie, diese beiden so gegensätzlichen Welten zu einer Synthese zu führen. Das Scheitern an dieser Aufgabenstellung zeigte sich im Westen als Verneinung des Geistes, im Osten als Leugnung der Materie. Die Forderung Aurobindos ist die einer Synthese von Geist und Welt und damit indirekt auch einer Synthese von Ost und West.

Für uns im Westen lebende Menschen besteht der erste Schritt zu einer solchen Synthese wohl darin, der Gefangenschaft in den Zwängen des vitalen Drängens nach Macht, Reichtum und äußerem Vergnügen eine Bemühung um das Erkraften der inneren Seiten der Seele gegenüberzustellen.

Karma-Yoga, das selbstlose Dienen, Bhakti-Yoga, die Verehrung und Hingabe, sowie Jnana-Yoga, das geistige Erkennen und die tiefere Schau, beschreiben den dreieinigen Pfad (trimarga) des Yoga und damit der Entwicklung der Seele. Sie sind nicht nur Yoga-Pfade sondern auch zu einem gewissen Grad Kulturgrundlage. Eine Wissenschaft, die sich von dem Suchen nach wirklicher Erkenntnis der Natur und dem Menschen leiten läßt, ein Forschen, das auch von der Liebe und Verehrung zur Natur und nicht nur von Gewinnstreben und Nutzdenken dominiert wird, würde Jnana-Yoga zu einem gewissen Grad verwirklichen. Soziale und gesellschaftliche Strukturen, in Familie, Beruf und Politik, die auf Anerkennung und Verehrung des Mitmenschen Beruhen, sind vom Ideal des Bhakti-Yoga inspiriert. Ein berufliches Selbstverständnis, das eigenverantwortlich den Dienst am sozialen Gesamtorganismus sucht wäre ein erster Anfang in Karma-Yoga.

Schon in diesen kurzen Andeutungen wird deutlich, welche Möglichkeiten in solchen Gedanken liegen, wenn sie Allgemeingut werden. Indien hat nicht nur aus seinen alten Quellen viel zu bieten, auch und gerade die modernen spirituellen Ansätze sind ein Geschenk und Angebot an die Menschheit, von dem zu hoffen ist, daß es in nicht allzu ferner Zukunft erkannt und angenommen wird.

Bernhard Spirkl