02 Diskretion, 03 Großmut
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Von der Diskretion zur Großmut

gomukhasana, yogaübung

Die Diskretion schafft eine gewisse Voraussetzung für die großmütige Tat. Denn durch die Diskretion lernt man sich und die Situationen im Leben erst richtig einzuschätzen, bevor zu hastig gehandelt oder gesprochen wird. Das schafft eine neue Übersicht im Leben. Man könnte auch sagen, der Kopf wird freier durch die zurückhaltende Diskretion. Diese neu entstandene Übersicht in Gedanken macht den Menschen freier und ermöglicht die großmütige Tat, die über das allzu schnell verletzte kleine Ego hinausblicken kann.

Das „freie Haupt“ ist aber nicht zu verwechseln mit Überheblichkeit und Arroganz, die über allem steht und nichts an sich heranlässt. Man kann es sich vielmehr vorstellen als das Haupt, das trotz Spannungen im Leben noch einen Gedanken fassen kann und in der Lage ist, bei den Aversion gegen einen Menschen oder eine Sache auch das Gute und Förderliche zu sehen. Und dies wiederum ist die Fähigkeit, das Richtige zu tun. Großmut ist keine Überschwenglichkeit, um zu zeigen, wie großzügig man doch ist. Großmut sieht den anderen und die Situation und handelt nicht aus dem Affekt, Vergeltungs- oder auch Geltungsdrang. Großmut macht in diesem Sinne freier von Sympathie oder Antipathie. Dadurch wird Großmut zu Liebe, wie es Rudolf Steiner formuliert.

Im Yoga haben wir die Haltung „Gomukhāsana“, was direkt übersetzt „Kuhgesicht“ heißt, sinngemäß aber das sanftmütige Gesicht gemeint ist. Weil man hinter dem Rücken mit den Händen ineinander greifen muss, lädt die Übung dazu ein, „auf Biegen und Brechen“ die Hände zu greifen. Gerade dabei geht aber die Übersicht verloren. An dieser Stelle übt man sich zunächst in Zurückhaltung, was der inneren Haltung der Diskretion entspricht, und bewahrt das aufrechte Haupt und entspannte Gesicht. In dieser Gelassenheit nähert man sich evtl. nur mit den Fingerspitzen hinter dem Rücken an, oder greift nur ins T-Shirt. Der Ausdruck der Sanftmut im Gesicht wird unmittelbar spürbar und kann seelisch als sehr „heilsam“ erlebt werden, denn man bleibt freier vom schnellen und einseitigen Erreichen-Wollen.

Sanftmut in dieser Weise ist der erste Schritt zur großmütigen Tat. Wenn man in der Lage ist, die eigenen Spannungen zu ertragen, so kann man auch leichter die Spannungen im Sozialen ertragen und das sehen und tun, was in der Situation weiter führt – oder umgekehrt. Die großmütige Tat ist gewissermaßen frei von Eitelkeiten oder anders gesagt, frei von sich selbst. Dies wiederum entwickelt die Liebe für andere oder für Entwicklung und Leben.

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