Alle Artikel in: Monatstugenden

Die Monatstugenden nach Rudolf Steiner

Zehenspitzenstand Punkt und Umkreis

Die Diskretion – einen Raum wahren

So wie das Kind geschützt im Mutterleib eine bestimmte Zeit der Entwicklung benötigt, bis die Geburt herannaht, oder wie ein Same Ruhephasen benötigt und nur unter bestimmten Bedingungen keimen kann, so benötigt auch die Seele eine Art behütete Geschlossenheit oder es benötigen Gedanken, Empfindungen und neue Impulse ihre eigenen Rhythmen zur Entwicklung und Reifung, bevor sie nach außen getragen werden. Die Tugend der Diskretion schafft und wahrt diesen geschlossenen Raum der Entwicklung.

Die Yogaübung "Bogen"

Kontrolle der Gedanken

Im älteren Yoga ist die Kontrolle des Atems, das so genannte Pranayama, Teil des Übens. Die Führung des Atemstroms in einem bestimmten Rhythmus kann die Konzentration fördern und wird oftmals zur Energetisierung benutzt, um besser in eine Yogaposition zu kommen. Allerdings findet diese Wirkung der Atemführung auf körperlicher Ebene statt, sie bezieht nicht das Bewusstsein ein, außer vielleicht als Methode zur Disziplinierung des Willens. Achten wir hingegen auf unsere Gedanken, so sind wir im Bewusstsein aktiv und der Wille wird vornehmlich auf innere Weise geschult.

Basis für die Yogaübung Tauben

Geduld wird zu Einsicht

„Steter Tropfen höhlt den Stein.“ sagte schon der Grieche Choirilos von Samos im 5. Jhdt. vor Christus. In diesem Bild des sachten Tropfens, der über lange Zeit hinweg den harten Stein aushöhlt, drückt sich aus, was im einzelnen Augenblick nicht zu sehen ist aber eben unsichtbar dennoch stattfindet. Meist glaubt man nur, was man sieht und würde das Aushöhlen damit erklären, dass mikroskopisch ja doch eine Veränderung bei jedem Aufprall des Tropfens zu sehen sei. Aber zur Zeit Choirilos‘ gab es keine Mikroskope und es ist anzunehmen, dass er auf den inneren Zusammenhang hindeuten wollte: auf den Prozess. 

Yogaübung Kobra

Zufriedenheit wird zu Gelassenheit

Eine Yogaübung besteht nicht nur aus Können und Leistungssteigerung – dann wäre Yoga nur etwas für Sportler und Akrobaten – viel entscheidender ist der Sinn für eine Übung, für die seelische Gestik darin, welche den künstlerischen Ausdruck bestimmt. Das macht das Üben unabhängiger von Können und Nichtkönnen und ob jemand jung und beweglich oder schon älter und unbeweglicher ist. Als Bewusstseinsinhalt stand im Oktober die Frage im Mittelpunkt, wie sich Zufriedenheit auf die Seele auswirkt, wie Ruhe und Gelassenheit entsteht und warum diese wichtig für die nächste Tugend der Geduld sein wird.

Vorwärtsbeuge mit Öffnung

Höflichkeit – Geste der Sensibilität

Im September beschäftigten wir uns in den Kursen mit der Höflichkeit als Haltung. Dabei haben wir unterschieden zwischen Höflichkeitsformen, die man zunächst lernt, und Höflichkeit als innerer Sinn, als Sensibilität, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit für andere Menschen. Bei der höflichen Verhaltensweise sprechen wir von einer äußeren Form, so wie man z.B. „guten Tag“ sagt. Man empfindet das Verletzen solch einer Form als unhöflich. Aber auch, wenn eine Form ohne wirkliche Aufmerksamkeit für den anderen angewendet wird, kann das unhöflich sein. Hat jemand einen Schicksalsschlag oder schmerzliche Veränderungen im Leben erfahren, wird man das in der Begegnung berücksichtigen, sensibel sein und keine überschwänglichen Fragen stellen, auf die derjenige vielleicht gar nicht antworten möchte. Daran lässt sich erahnen, dass Höflichkeit nicht allein Form, sondern auch Sensibilität, Aufmerksamkeit und Empathie sein kann, bei der die Person des anderen berücksichtigt wird und Vorrang gegenüber den eigenen Interessen hat.

Yogaübung Kamel, Armbewegung

Mitleid wird zu Freiheit

Eine innere Haltung bringt oft mehr zum Ausdruck, als eine äußere. Oder die äußere Haltung kann bei zwei Menschen gleich sein, aber dennoch etwas ganz anderes ausdrücken. Beispielsweise wirkt eine Yogaübung, wenn es nur um die Perfektion geht, immer etwas hart. Wenn aber nur das Wohlgefühl gesucht wird, scheint sie sich beinahe aufzulösen. Das Formen einer Übung beginnt also vielmehr bei der inneren Haltung. Die Tugenden formuliert Rudolf Steiner so, dass sie zu etwas Neuem in der Seele werden. Er gibt damit einen Inhalt, den wir in seiner Bedeutung ergründen können. Und schon durch das Nachdenken über eine Tugend rückt der Sinn dafür näher. Man muss nicht meinen, eine Tugend wie das Mitleid nur pflegen zu können, wenn man schon ein freier Mensch ist. Oft sind es ja gerade die kleinen Veränderungen, die Großes bewirken. Was ist also diese innere Haltung des Mitleids, worin unterscheidet sie sich von sentimentalen Tendenzen und warum wird sie zu Freiheit? Das Mitleid ist etwas verallgemeinert ein Mitgefühl, mit dem man im Fühlen mehr beim anderen ist, als bei sich …

Vorbereitung und Vertiefung

Ausdauer

– wird zu Treue. So lautet die Tugend im Monat Juni. Sie schließt sich dem Gleichgewicht des vorigen Monats an und leitet zur Selbstlosigkeit des nächsten Monats hinüber. Das Üben der Ausdauer entwickelt sich zur seelischen Kraft der Treue. Stellt man sich vor, direkt die Treue leben zu wollen, dann fehlt noch irgendein Bezug, die Treue zu etwas bzw. die Ausdauer an etwas. Also muss noch etwas hinzukommen: Man benötigt eine Zielsetzung, einen Impuls, der eine neue Bewegungsrichtung einschlägt und damit einen Weg eröffnet. Um also ein konkretes Ziel zu haben, haben sich die Schüler im Yogakurs eine āsana (Yogaübung) ausgewählt, welche sie verbessern möchten. Wir haben zunächst 2 Fragen an den Anfang gestellt: Welche Übung möchte ich besser können? In welcher Zeit ist das realistisch? Was ist bis zum Sommer, was ist bis Ende des Jahres realistisch? Gerade der Zeitraum schien mir wichtig, um nicht den Leistungsaspekt, sondern vielmehr die Entwicklung in den Vordergrund zu stellen. Denn in dem Wort Ausdauer steckt die Dauer, die Langmut – das Gegenteil von Kurzlebigkeit und schnellem Erfolg. …

Gleichgewichtsstellung Zehenspitzenstand

Gleichgewicht

… wird zu Fortschritt. So lautet die Monatstugend im Mai. Man könnte auch sagen, das Üben des Gleichgewichts führt zur rhythmischen Harmonisierung, indem wir z.B. verschiedene Übungen abwechseln, aufeinander abstimmen und das Lernen damit in einen Aufbau führen. Rudolf Steiner, der das Gleichgewicht als Tugend mit dem Fortschritt in Verbindung gebracht hat, versteht unter Gleichgewicht aber nicht eine langweilige Mitte, sondern eine ausgewogene Vielfalt, eben das Gegenteil von Einseitigkeiten.

Yogaübung Kamel, Ruhephase

Devotion – eine Tugend …

… die hier als Ehrerbietung, Verehrung oder Ehrfurcht zu verstehen ist. Auf die Großmut im Sinne der Weisheit und Übersicht, die im März als Übung mit wachem Haupt gegeben war, folgte nun im April eine Geste der Verneigung. Denn die Devotion wird auch mit Hingabe und Demut umschrieben. In ihr liegt aber weitaus mehr, als nur das Haupt zu senken. Wie sie zu verstehen ist, soll in diesem Artikel beschrieben werden.

Yoga – Drehsitz

Großmut – die Tugend im März

Im Yoga gibt es verschiedene Ebenen des Übens. Man kann die Muskulatur aufbauen, die Dehnfähigkeit erweitern und allgemein den Körper beleben.  Über die Wahrnehmung und Erweiterung des Erlebens kommt die seelische Ebene zur Geltung. Geistig sind wir beteiligt, indem Beobachtung entwickelt und schlichtweg über die Übung nachgedacht wird, z.B. darüber, was die innere Haltung in einer Körperübung ist – die innere Haltung einer Tugend. Die vorige Tugend, die innere Haltung der Diskretion, vermittelt Eigenschaften wie Ruhe, Sorgfalt und Sensibilität in der Wahrnehmung. Diese kamen in der Körperübung vor allem in den verschiedenen Phasen der Übung zum Ausdruck: innehalten, ruhig werden, beobachten und das Zuviel an Spannung herausnehmen und dann erst in die nächste Bewegung gehen. Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften weckt nun die Großmut? Die Worte mit der Endung „…mut“ bezeichnen den Ausdruck einer inneren Seelenverfassung: Anmut, Hochmut, Frohmut, Unmut, Sanftmut, Starkmut, Kleinmut, Großmut, Langmut, Freimut, Gleichmut, Edelmut, Demut, usw. oder auch jemandem etwas zumuten.

Yogaübung Halbmond Vorbereitung

Die Diskretion – Februarübung

Das Üben der Monats-Tugenden nach Rudolf Steiner. „Diskretion wird zu Meditationskraft“ … … so wird ein Aspekt der seelisch-geistigen Entwicklung angedeutet. Die Yoga-Übung selbst kann diese Entwicklung nicht bieten, denn sie ist eine äußere Körperhaltung, die Tugend ist eine innere Seelenhaltung. Die Yogaübung könnte aber ein künstlerischer Ausdruck der Seele werden, wenn ein Sinn für die Seelenhaltung entsteht. Vielleicht mag man denken, ein Mensch hat diese oder jene Tugend ein anderer nicht, als sei der Mensch von der Natur determiniert und könne nichts hinzu entwickeln. Rudolf Steiner empfahl hingegen, Tugenden konkret zu üben. Er nannte zu jeder Tugend eine bestimmte seelische Kraft, die sich aus dem individuellen Üben entwickeln kann. So wie sich bei der Tugend des Mutes „Erlöserkraft“ entwickeln kann, so sieht er als Ergebnis des Übens der Diskretion die „Meditationskraft“.

Kopfstand Vorbereitung

Der Mut – eine Januarübung

Gibt es eine Übereinstimmung zwischen äußerer und innerer Haltung? Zwischen der Haltung, die ich mit dem Körper einnehme und der Haltung, die ich innerlich z.B. zu anderen Menschen oder zu einem Sachverhalt einnehme? Im Volksmund gibt es Ausdrücke wie „Rückgrat haben“ oder „Haltung bewahren“ und man meint genau genommen nicht die angestrengt aufgerichtete Wirbelsäule, als vielmehr die innere seelische Haltung, sich nicht den manchmal schwierigen Verhältnissen zu ergeben, die in bestimmten Lebensphasen an einen herantreten.