02 Diskretion, Monatstugenden
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Diskretion – einen Raum wahren

Zehenspitzenstand Punkt und Umkreis

So wie das Kind geschützt im Mutterleib eine bestimmte Zeit der Entwicklung benötigt, bis die Geburt herannaht, oder wie ein Same Ruhephasen benötigt und nur unter bestimmten Bedingungen keimen kann, so benötigt auch die Seele eine Art behütete Geschlossenheit oder es benötigen Gedanken, Empfindungen und neue Impulse ihre eigenen Rhythmen zur Entwicklung und Reifung, bevor sie nach außen getragen werden. Die Tugend der Diskretion schafft und wahrt diesen geschlossenen Raum der Entwicklung.

Diese behütende und schützende Geste der Diskretion kann zunächst auf zweierlei Weise stattfinden:

  1. Bei sich selbst bzw. innerhalb einer Gemeinschaft
  2. Gegenüber dem persönlichen Raum anderer Menschen

Das Gegenteil wäre die unkontrollierte Mitteilungssucht oder die Übergriffigkeit gegenüber anderen. Die Diskretion ist eine bestimmte Ordnung zwischen dem Ich und dem Du oder allgemein der Außenwelt.

Diskretion bei sich selbst

Die erste Form der Diskretion meint eine bewusst auferlegte Verschwiegenheit bei sich selbst oder innerhalb eines familiären oder sozialen Zusammenhangs – das Schweigen über Persönliches oder über Anvertrautes. Durch diese Art des Schweigens wird ein Schutzraum für die eigene Person oder eines sozialen Feldes geschaffen. In einem Betrieb – beispielsweise in einer Arztpraxis – wahrt man Verschwiegenheit aus Achtung und Verantwortung für die Patienten. Mit der Diskretion wird eine Grenze vom eigenen Raum nach außen gesetzt, ohne sich aber von der Außenwelt abzuwenden! In dieser sinnvollen Geschlossenheit entsteht Kraft und Aufbau, während wahlloser Mitteilungsdrang Kraftverlust Zerstreuung oder sogar Zerstörung bewirkt.

Die Diskretion im eigenen Raum

Der eigene Raum wird erhalten.

Diskretion gegenüber anderen Menschen

Die zweite Form der Diskretion wahrt den Raum anderer Menschen und setzt die Grenze vor den anderen, die es nicht zu überschreiten gilt. Die Grenze des Persönlichen eines anderen Menschen hat verschiedene Ebenen. Ebenso wie man im äußeren Leben Diskretion und Abstand am Bankschalter wahrt, wo es um „sensible“ Daten anderer geht, so gibt es auch auf seelischer Ebene eine Grenze zum anderen, die nicht überschritten werden darf. Diese richtig zu identifizieren, ist nicht immer so leicht. Damit meine ich weniger die Art von Übergriffigkeit wie Neugierde – die ist relativ leicht zu erkennen und zurückzuweisen. Der Raum eines anderen ist vor allem seine Selbstbestimmung in seiner persönlichen Entwicklung. Es gibt Dinge, die kann man klar ansprechen. Begeht jemand einen Fehler, übersieht oder vergisst etwas, so kann man sagen, das war falsch oder hier irrst du dich, da verwechselst du etwas usw. und damit das Missverständnis klären. Zurückhalten sollte man sich aber mit moralischen Urteilen. Die Grenze des Persönlichen wird überschritten, wenn man wie ein Moralapostel einen Menschen belehrt. Man kann an seiner eigenen Moralität arbeiten und sich z.B. individuell mit einer Tugend auseinandersetzen, sie nach eigenem Interesse im Stillen für sich pflegen, aber man kann sie nicht von anderen einfordern oder anderen vorhalten, das käme einem Wahrheitsanspruch gleich, der genau genommen sagt, ich habe diese Tugend, Du aber nicht. Das ist schon sehr fraglich. – Es ist beinahe eine Regel, wenn jemand zu „laut“ nach etwas schreit oder sich über etwas beschwert, dass gerade da ein Defizit in der eigenen Seele liegt. Meint man es beispielsweise mit der Tugend der Diskretion wirklich ernst, so weiß man, dass man nur bei sich selbst beginnen kann und wird schnell darauf aufmerksam werden, wo man besser geschwiegen hätte oder wo man eine Grenze überschritten hat. Man wird diese Tugend nicht zum Richten anderer benutzen.

Die Diskretion gegenüber anderen

Der Raum des anderen wird geachtet.

Diskretion und Erkenntnis – ein Du in mir

Eine weitere, etwas andere Ebene der Diskretion besteht im Verhältnis zur eigenen geistigen Erkenntnis. Während vorher das Bewusstsein meiner selbst und dasjenige für einen anderen Menschen besprochen wurde, geht es hierbei um mein Ich gegenüber einer selbst gewählten Erkenntnis-Frage in mir: ein Du in mir.
Man pflegt einen Gedanken, der zunächst nur mein eigenes Interesse betrifft, ganz intim im Innern, ohne Beeinflussung anderer, damit sich der Gedanke ungestört heraus entwickeln und erkraften kann. Es kann also eine Erkenntnis gesucht werden, die zunächst wie ein Geheimnis gehütet wird. Stellt man sich z.B. die Frage, „was ist eigentlich Rhythmus?“ und pflegt diese Frage bei geeigneten Studien sowie auch in den alltäglichen Handlungen, bis das Verstehen reift, so erhält damit der Erkenntnisprozess seinen eigenen Entwicklungsraum bis die Antworten reifen und im Inneren aufleuchten. Es ist, als würde ich ein Pflänzchen in mir selbst heranziehen. Und dieses Pflänzchen muss eben auch erst einmal gepflegt werden, bevor es im Freien ausgepflanzt wird, wo es für andere sichtbar weiter wachsen kann.

Diskretion und Erkenntnis

Die Erkenntnisfrage wird zum Du in mir.

„Diskretion wird zu Meditationskraft“

Diese Aussage von Rudolf Steiner ist eigentlich schon ein Meditationssatz in sich selbst, den man im Innern pflegen kann. Das Besondere an den Erweiterungen von Rudolf Steiner zu den bekannten Eigenschaften wie Diskretion ist das „wird zu“. Das reine Üben einer Tugend im Alltag oder innerhalb eines Lernfeldes bildet in uns eine bestimmte Fähigkeit und damit Kraft heran, der man sich durchaus bewusst werden kann. Die Diskretion ist zunächst auf allen Ebenen eine Willensschulung, weil man lernen muss, sich an der richtigen Stelle zurückzuhalten. Das schwächt nicht, sondern stärkt den Willen! Entweder soll etwas Persönliches ganz einfach im geschützten Rahmen bewahrt werden, oder man gewährt dem anderen seinen persönlichen Raum der Entwicklung und Selbstbestimmung, oder eine Überlegung soll im Innern gedeihen, welche noch im zarten Beginn der Entwicklung ist. Das muss aber gezielt geschaffen und bewahrt werden. Mit dem Schaffen dieses Raumes entsteht also Kraft. Zugleich muss aber auch die Unterscheidung entwickelt werden, was geschützt werden muss und was dagegen Allgemeines oder Unwesentliches ist. Das ist bereits die Grundlage, wenn es um Erkenntnis geht, wo man erkennen muss, was das Wesentliche ist, das heranreifen möchte. Und dieses Wesentliche halten und in der richtigen Weise pflegen zu können, lässt sich als Meditationskraft bezeichnen.

Wie findet die Geste der Diskretion ihren Ausdruck in der Bewegung und Form der Yogaübung?

In den Yogaübungen erlebt man diesen Raum der inneren Beobachtung und Wahrnehmung besonders in den Haltephasen der Übungen, wo die Bewegung in eine Form übergegangen ist. Die vorwärtsbeugenden Übungen bilden dabei im äußeren Bilde eine geschlossene Form während die rückwärtsbeugenden Übungen eine geöffnete Form zeigen. In der Geschlossenheit erlebt der Übende seinen Raum, in der Offenheit erlebt er sich im Verhältnis zum Außenraum.

Sonnengebet 10

geschlossene Form

Sonnengebet 2

geöffnete Form

Die geschlossene Haltung hat die Entsprechung zur ersten Form der Diskretion, ein Ruhigwerden innerhalb der eigenen Verhältnisse. Die geöffnete Form wird zur Geste des Zurückweichens gegenüber dem Außenraum, wie das in der zweiten Form der Diskretion gegenüber anderen Menschen der Fall ist.

Die Haltephasen sind wie ein aktives Stillwerden. Sie gleichen dem Schweigen der Diskretion, bei dem man das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden lernt. Wenn es gelingt, an der richtigen Stelle anzuspannen und andere Bereiche zu lösen, kann man in der Haltephase nach und nach das weisheitsvolle Zusammenwirken von Dynamik und Gelöstheit in der Formung entdecken. Es ist in vielen Übungen eine gewisse Anforderung, sich selbst in den verschiedenen Phasen zu ordnen bzw. zu gliedern.

Dreiecksform und Mitte

Die Haltung bildet eine geschlossene Form.

Die Gliederung entsteht zwischen Stand, Kopfbereich und Mittendynamik.

Dreieck

Form und Ausdehnung nach außen

Durch die Gliederung schließt sich die Form nicht wie ein Panzer ab, sondern sie ist geschlossen und geöffnet zugleich. In diesem Erleben bewahren die Übenden das Bewusstsein für sich selbst sowie auch nach außen.

Man kann die Diskretion nicht in der Yogaübung lernen, sondern muss sie im Leben üben. Aber die Yogaübung kann sie zum Ausdruck bringen und helfen, einen Sinn für die Willensschulung des Stillwerdens zu entwickeln. Wenn dieses Stillwerden in der aktiven Haltephase entsteht, erfahren die Übenden, wie sie den Prozess der Bewegung und Formung selbst mitgestalten können. Es ist nicht bloß ein Abwarten, was die Übung mit einem macht, ebensowenig wie die Meditationskraft über den Menschen hereinbricht, sondern sich zur Fähigkeit entwickelt.

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