Monatstugenden
Schreibe einen Kommentar

Geduld wird zu Einsicht

Basis für die Yogaübung Tauben

„Steter Tropfen höhlt den Stein.“ sagte schon der Grieche Choirilos von Samos im 5. Jhdt. vor Christus. In diesem Bild des sachten Tropfens, der über lange Zeit hinweg den harten Stein aushöhlt, drückt sich aus, was im einzelnen Augenblick nicht zu sehen ist aber eben unsichtbar dennoch stattfindet. Meist glaubt man nur, was man sieht und würde das Aushöhlen damit erklären, dass mikroskopisch ja doch eine Veränderung bei jedem Aufprall des Tropfens zu sehen sei. Aber zur Zeit Choirilos‘ gab es keine Mikroskope und es ist anzunehmen, dass er auf den inneren Zusammenhang hindeuten wollte: auf den Prozess

Was ist ein Prozess?

Nicht auf einen Schlag höhlt der Tropfen den Stein, sondern viele kleine Impulse erzeugen eine Wirkung im Gesamtzusammenhang. Der Prozess im Lernen bedarf der wiederholten Hinwendung und Aufmerksamkeit im Tun. Er birgt einen zeitlichen Ablauf in sich, in dem sich die Fähigkeit und das Verständnis entwickelt.

Im künstlerischen Schaffen kennt man solche Prozesse sehr gut. In der Malerei komme ich oft gerade dadurch weiter, indem ich einen Tag vergehen lasse, damit ich sehe, was zu tun ist. In der Zwischenzeit hat etwas in mir weiter gearbeitet. Lerne ich ein Instrument oder neue Stücke, entstehen oft ganz unverhofft Fortschritte, wo ich schon resignieren wollte. Und da zeigt sich besonders, wie der Prozess seine eigenen Rhythmen hat und die Wirkung da ist, auch wenn sie sich erst viel später zeigt.

Rudolf Steiner formuliert diesen Zusammenhang sehr schön im Bild der Sonne, die seit Jahrmillionen über der Erde auf- und untergeht und dies noch undenkliche Zeiten tun wird: „Da hinein, in diese Geduld versetze man sich und denke dann nicht, wenn eine Übung nach drei, vier, fünf Jahren noch keine Wirkung hat, die Übung sei wirkungslos.“¹

Wenn man sich nun vorstellt, man sei selbst ein wenig wie die Sonne und möchte eine Sache auf der Erde zum „Wachsen“ bringen, sie also verwirklichen – vielleicht nicht erst in ein paar Millionen Jahren – und nimmt dies wirklich ernst, dann sollte man den Entwicklungszeitraum nicht zu kurzfristig ansetzen. Beispielsweise sollte man im Yoga nicht zu schnell aufgeben, wenn die Beweglichkeit nicht entsteht. Man sollte sich Ziele fassen, und nicht warten, was die Übung mit einem macht. Sonst geht man von sich als dem festen Stein aus, auf den irgendetwas einwirken möge, und nicht vom Tropfen der eigenen Impulse, die den Stein bearbeiten! Es wäre wichtig, sich selbst als den Initiator des Prozesses und der Entwicklung zu sehen!!

Nehmen wir die Yogaübung ebenso als einen künstlerischen Prozess und nicht nur als technisches Können, bei dem man den Körper mechanisch in die Übung bringt! In der Yogastellung „Schulterstand“ kommt die Geduld in der Weise zum Tragen, dass es etwas Besonderes zu entwickeln gilt, was man auch nicht sogleich sieht. Wir haben natürlich das äußere Können zu entwickeln, also die Beweglichkeit, Kraft und Geschicklichkeit, womit wir durch Wiederholung den „Stein“ bearbeiten, aber in der künstlerischen Auffassung vor allem eine innere Gestik zu lernen. Das ist beim Schulterstand ein Wachsen, welches sich der Schwere enthebt. Ich nenne diese innere Geste: „Aus der Zurückhaltung hochwachsen“.

In der ersten Phase stellt man sich auf die körperlichen Verhältnisse ein und wartet zunächst einmal ab, bis sich Atem und Blutdruck an die Umkehrung gewöhnt haben. Darin drückt sich eine erste Zurückhaltung aus, wodurch ein Bezug zur Gegenwart entsteht.

Die innere Zurückhaltung liegt aber vielmehr in eine Art Selbsterziehung gegenüber dem „Irgendwie-hochkommen-Wollen“ um schnell die Bedrängnisse zu übergehen. Ein Bereich des Körpers muss sich immer erst einmal mit der Erde „versöhnen“. Beim Schulterstand sind das Arme, Schultern, Nacken und Kopf. Man legt sie äußerlich wie auch innerlich am Boden ab, achtet darauf, wie sie den Boden berühren und denke an die Zurückhaltung. Zuerst wird also das Bewusstsein empfindsamer, alsdann der Rumpf leichter in die Aufrichtung balanciert, die Beine entspannt und der Herzbereich sanft in die Position über die Schulterachse gebracht. Das Brustbein nähert sich dabei dem Kinn und der Brustkorb richtet sich ein wenig aus dem Einsacken heraus auf. Hierbei ist etwas Vorsicht geboten, dass der Nacken sich nicht zu sehr überdehnt. (Verletzungen entstehen oft aus Ungeduld!) Nahezu im gleichen Moment, in dem man das Maß des Aufrichtens des Herzens gefunden hat, beginnt auch schon das Hochwachsen. Hier ist ein aktiver Impuls angesagt, aber eben gezielt aus dem Herzbereich.

Damit ist die Koordination aus der Beschaulichkeit und Ruhe des Bewusstseins beschrieben. Der künstlerische Prozess wird aber noch mehr in Gang gesetzt, wenn man sich noch weiter überlegt, wie die Bewegung aufsteigen soll. Allerdings benötigt man hierzu wiederum passende Inhalte als Inspiration, welche die Empfindung in der richtigen Weise anregen. Und diese „richtige Weise“ meint eine Übereinstimmung mit den kosmischen Gesetzen, in die auch der Mensch mit seinem Körper eingebunden ist. Die Dynamik, die sich der Schwere enthebt – vergleichbar mit dem aufsteigenden Nebel, dem Wachstum der Pflanzen oder dem zentrifugalen Prinzip von einem Punkt in den Raum –, wird in der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners „Ätherkraft“ genannt: „Wo die physische Materie drückt, da saugt der Äther. Die physische Materie erfüllt den Raum; der Äther schafft die Materie aus dem Raume heraus.“ In den Pflanzen ist dieses Ätherprinzip am deutlichsten sichtbar. Eine Pflanze, die von Licht und Wärme angezogen wird, wächst nicht aus Muskelkraft, sie „folgt“ der Bewegung des Äthers, die irdischen Substanzen der Pflanze werden sozusagen der Schwerkraft enthoben. Wenn man sich nun in der Übung vorstellt, dass der Schulterbereich zur Erde geht und die Bewegung aus dem Herzbereich aufsteigt und sich über die Wirbelsäule fortsetzt, wie die in den Raum wachsende Pflanze, so kommt man diesem Ätherprinzip näher und die Bewegung wird mit der Zeit spürbar leichter möglich und bekommt einen anderen Ausdruck!

Die reine Technik der richtigen Muskelanspannung wäre vergleichbar mit dem Bauen eines Turmes aus starrer Substanz, ähnlich dem Gerüst des Eifelturms. Die innere Geste nach dem Gesetz der Ätherkraft, mit der der Übende den Schulterstand formt, durchdringt die Substanz und belebt die Form, sie ist seelisch-geistiger Natur. Allerdings: Bis ich diese Art der Bewegung annähernd als etwas Reales erleben und gestalten konnte, hat es 9 Jahre gedauert, obwohl ich körperlich sehr beweglich war und eine gut ausgebildete Muskulatur hatte. Und die Frage nach dem Ätherprinzip ist noch nicht abgeschlossen! Insbesondere bei solchen Inhalten ist die Geduld gefordert, was ich genau in dieser Art erlebte:

“Sie können ganz sicher sein: Wenn Sie die Fragen aufwerfen ins Blaue hinaus, werden Sie Zufallsantworten bekommen, die schließlich für den einzelnen eine egoistische Befriedigung gewähren können, die aber doch nicht wirkliche Antworten sind. Sie müssen untertauchen in Blume und Meer, in das Firmament, in die Sterne, in alles dasjenige, was von außen auf Sie als Eindruck kommt, in das müssen Sie untertauchen Ihre Rätselfragen, und dann müssen Sie abwarten, bis einmal aus Ihrem Inneren die Antworten auftauchen. Sie können nicht vierzehn Tage warten, Sie können nicht einmal die Zeit bestimmen, die die alten Eingeweihten bestimmen konnten. Sie müssen warten, bis der richtige Moment gekommen ist, daß das Äußere ein Inneres geworden ist, und aus Ihrem Inneren heraus die Antwort kommt.”²

Wir fassen in dieser Übungsweise die Yogaübung als etwas auf, in das wir nicht irgendwie, sondern mit unseren Rätselfragen eintauchen. Dieser Prozess der Verinnerlichung erfordert eben sehr viel Geduld. Gerade bei diesem Forschen mit solchen Rätselfragen, wie „Was ist der Äther und wie drückt er sich in der Bewegung aus?“, würde ein zu schnelles Abhandeln nur im Intellekt bleiben. Dieser muss sich aber an der richtigen Stelle zurückhalten oder gedulden, damit die Antwort im Innern reifen und sich zu gegebener Zeit zeigen kann, so dass sie mir wie entgegenkommt.

Geduld wird zu Nähe und Einsicht

Die Geduld weiß um den Entwicklungsprozess. Sie arbeitet und kann warten, d.h. sie weiß, was zu tun ist und was sie nicht beeinflussen kann. Die Fähigkeit des Warten-Könnens ist also mehr, als nur ein Abwarten, sie möchte vielmehr empfänglich bleiben, den Bezug nicht verlieren, eine Nähe aufbauen. Und die Nähe ist eben nichts Fernes, sie widmet sich dem Leben auf der Erde.

Eine Yogaübung, in der sich das Näher-Kommen zur Erde in der Form und auch empfindungsmäßig zeigt, ist die Ausgangsposition für die „Taube“:

  1. Mit sehr viel Ruhe und Geduld achtet man erst einmal auf die Beine am Boden. Die Muskelspannung blockiert meist den Beckenbereich und  lässt die Beine nicht richtig in Kontakt zum Boden kommen. Ziel ist, dass sich die Beine geschmeidiger in die Ebene bewegen. Jedoch benötigt alle Dehnfähigkeit Zeit. Hierbei kann man wirklich sehr viel mit Ruhe erreichen, weil dadurch die Bodennähe in die Empfindung rückt und wieder eine gewisse „Versöhnung“ bringt, die sich auf die Körperspannung lösend auswirkt. Nach etwa 3 Minuten kann die in die Beinstellung auf der anderen Seite ausgeführt werden.
  2. Ist der Boden näher in die Empfindung gerückt, so kann man sich mit den Fingern etwas stützen, um den Oberkörper besser aufzurichten. Wenn die Aufrichtung vom unteren Rücken möglich ist, werden die Arme über den Kopf geführt. Hier achte man auf die aufstrebende Wirbelsäule bei gleichzeitiger Bodennähe.
  3. Abschließend werden die Arme elegant zurück gelegt und die Aufrichtung mit der Öffnung des Brustkorbes in die Rundung geformt. Je mehr der Sitz zum Boden kommt, entsteht ein Gefühl der Nähe zur Erde, als würde der Sitz wie eine Schalenform gleich einer Mondsichel sogar etwas tiefer in der Erde liegen. Darüber rundet sich die Form mit dem Herzbereich wie eine Sonne:

Skizze zur Taube einsinken und runden

Kommen wir noch zu einer anderen Übung, welche die Nähe zur Erde sucht: der „halbe Diamant“. Dies ist eine Übung, bei der die Dehnung der Oberschenkel  im Verhältnis zum Rückwärtsgehen mit Oberkörper und Kopf zunimmt. Hier wird man vor allem wegen der starken Dehnung, die einen nicht einfach weiter schreiten lässt, zur Geduld angehalten.

Schrittweise geht die Bewegung zunächst mit den Unterarmen zur Erde, dann mit dem Kopf und zuletzt werden Nacken, Schultern und Arme entspannt abgelegt. In allen Phasen richte man eine Phase der Geduld und Gewöhnung ein. Dabei darf sich aber nicht die Form verlieren, das Sonnengeflecht sollte immer etwas aufgerichtet bleiben und eine Rundung in der Brustwirbelsäule gehalten werden! Jede einzelne Phase kann schon als Übung für sich genommen werden und sollte nicht überschritten werden, wenn die Dehnung der Oberschenkel dies nicht zulässt. (Hier erinnere man sich an die vorangegangene Tugend der Zufriedenheit, die sich selbst nicht verliert!)

Das Erleben des entspannten oberen Körperbereiches am Boden ist das Besondere in dieser Übung. Das Bewusstsein erlebt sich beschaulich gegenüber dem Raum.

Bei all diesen Übungen kann die Geduld anhand der Körperspannungen oder -bedrängnisse erlernt werden, welche die Führung und Aufmerksamkeit des Bewusstseins benötigt. Bei der Ausdauer kamen wir bereits auf das Thema „an einer Sache dran bleiben können“. Nun kommt wie eine Art Schwester zur Ausdauer die Geduld hinzu und bringt in die Beharrlichkeit eine besänftigende Note. Die Geduld, die zur Einsicht in den Entwicklungsprozess führt, kann sich selbst eine Führung geben, sie wartet wie gesagt nicht nur ab, sondern sie weiß, dass ihr auch etwas entgegen kommt und wann der Zeitpunkt zum Weitergehen angesagt ist. Dieses Übergehen von einem Schritt zum nächsten in zusammenhängender Weise ist bereits die Tätigkeit der nächsten Tugend: die gedankliche Führung oder die zusammenhängende Aufmerksamkeit zu einer Sache.


1) Lit.: Rudolf Steiner Gesamtausgabe 266b, S. 26
2) Lit.: Rudolf Steiner Gesamtausgabe 213, S. 36

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.