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Zufriedenheit wird zu Gelassenheit

Yogaübung Kobra

Eine Yogaübung besteht nicht nur aus Können und Leistungssteigerung – dann wäre Yoga nur etwas für Sportler und Akrobaten – viel entscheidender ist der Sinn für eine Übung, für die seelische Gestik darin, welche den künstlerischen Ausdruck bestimmt. Das macht das Üben unabhängiger von Können und Nichtkönnen und ob jemand jung und beweglich oder schon älter und unbeweglicher ist. Als Bewusstseinsinhalt stand im Oktober die Frage im Mittelpunkt, wie sich Zufriedenheit auf die Seele auswirkt, wie Ruhe und Gelassenheit entsteht und warum diese wichtig für die nächste Tugend der Geduld sein wird.

In meiner Praktikumszeit im Fotostudio sagte der Fotograf einmal, dass die hübschen Frauen meist unzufriedener mit Portraitfotos seien als die Durchschnitts-Schönheiten, die sich meist mehr über die Fotos freuen. Darin zeigt sich ein Wesenszug, wie der Mensch etwas wertschätzen kann, wenn er nicht so „reich beschenkt“ ist. Stellen wir uns vor, wie ein zufriedener Mensch wirkt, so wird ein eher ruhiger und „warmer“ Eindruck entstehen und weniger das Bild von Unruhe und Zerstreuung, Hetze und Konkurrenzkampf oder auch Überheblichkeit oder Strenge und Härte aufkommen. Schon im Ausdruck „zufrieden sein“ steckt das Wort Frieden und weckt die Empfindung eines ruhigen, ausgewogenen und friedvollen Gemüts. Und ein zufriedener Mensch kann wohlwollend sein, während ein unzufriedener eher zum Kritisieren neigt. Es sind sicherlich auch die einfacheren Verhältnisse, die zu Ruhe führen, während zu hohe Ansprüche, das Streben nach immer wieder neuen Dingen oder Steigerungen von den natürlichen Lebensrhythmen tendenziell wegführt und meist Unruhe und Zerstreuung bewirkt. Jedoch muss dabei unterschieden werden zwischen der Suche nach Neuem, welche der Weiterentwicklung dient und sich lernend mit dem Leben verbindet, zu dem, was z.B. Kompensation, Konsum oder Illusion ist. Denn Unzufriedenheit lässt sich nur bedingt kompensieren – auch nicht mit Yoga. 😉

Eine schöne Übung, die wir in den Kursen dazu praktiziert haben und die Zufriedenheit zum Ausdruck bringen kann, ist gomukhāsana, vereinfacht übersetzt mit „Kuhgesicht“ – mukha bedeutet Gesicht oder auch Mund. Die Zufriedenheit drückt sich im entspannten Gesicht aus.

Yogaübung Gomukhasana Handstellung

Es ist besser, die Hände nur in die Nähe zueinander zu führen, als sich im Erreichen-Wollen zu verlieren.

Das wesentliche dieser Übung ist nicht, wie es sich vielleicht aufdrängt, das Greifen der Hände hinter dem Rücken. Falls sich in der Bewegung der Kopf neigt und sich unbewusst das Gesicht verzerrt, ist es sogar besser, auf dieses Erreichen-Wollen der Hände zu verzichten und dafür das Haupt frei aufgerichtet und entspannt zu lassen. Es würde sich zu sehr der Leistungsaspekt in den Vordergrund stellen und der entspannte friedfertige Ausdruck verloren gehen. Der Ausdruck soll hier wichtiger sein, als das rein körperliche Ziel.

Ich möchte den Gedanken folgendermaßen zusammenfassen: Die Zufriedenheit erzwingt nicht, sie weiß um die seelische Seite und bleibt frei von dem bloßen „Erreichen- oder Besitzen-Wollen“. Daher kann die Kraft der Gelassenheit gegenüber äußeren Reizen oder Bedrängnissen entstehen. 

Nun kommen wir aber noch zu einem anderen Aspekt. Wie ein deutsches Sprichwort „Zufrieden sein wandelt Wasser in Wein.“ oder ein französisches „Reich genug ist, wer zufrieden ist.“ den inneren Wert und Reichtum betonen, so deutet der Dichter Christian Morgenstern auf das genaue Gegenteil hin: „Sei mit dir nie zufrieden, außer etwas episodisch, sodaß deine Zufriedenheit nur dazu dient, dich zu neuer Unzufriedenheit zu stärken.“ Damit ist aber nicht die gesunde Zufriedenheit ausgetrumpft, sondern er unterscheidet aktive von passiver Zufriedenheit und meint eigentlich das Lernen: „Ich sehe überhaupt, daß es zunächst nichts als Lernen, Lernen und wieder Lernen gibt. Daraus ergibt sich alles weitere von selbst.“ 

Wie erzeugt man in der Auseinandersetzung mit der anstrengenden Yogaübung dennoch Zufriedenheit und Ruhe?

In der Entspannung ist es ja nicht so schwer, ruhig zu sein. Schwieriger wird es, wenn wir den Willen stärker einsetzen müssen und eine Übung richtig anstrengend wird. In der Yogaübung stößt man durch die ungewohnten Haltungen an die eigenen körperlichen Grenzen und Schwächen. Nun gab es im Yoga lange Zeit den Slogan: Gehe nur so weit in die Übung, wie es Dir gut tut. Das klingt ein wenig weise und die Frage könnte bereits damit beantwortet sein. Aber wenn man immer bei dem bleibt, was einem gut tut, dann wird man auch nur bei dem bleiben, was man noch gerade so kann – man wird sich nicht weiter entwickeln können. Gerade in der Anstrengung, die etwas weiter geht, als es einem „gut tut“, die also die Komfortzone verlässt, hält dazu an, in bestimmter Weise innerlich Ruhephasen zu erzeugen, um freier von den Bedrängnissen zu werden und die Bewegung in eine harmonischere Form zu führen. Dabei stellt sich die Frage, wie man die Übung gestalten kann, ohne in das altbekannte Leistungsstreben zu kommen. Wie geht das also konkret? Für jede Yogaübung mit längeren Haltezeiten ist ein geordnetes Anspannen wie Entspannen wichtig. D.h. die wesentliche Anspannung soll aufgebaut, die unwesentliche herausgelöst werden. Bei der Yogaübung „Kobra“ zeigt sich dieses Verhältnis in jeder Phase der Übung:

  1. In der ersten Phase geht die Bewegung überraschenderweise erst einmal zurück in die Beine. Dadurch entsteht die benötigte Spannung des unteren Rückens und der Oberkörper wird nur ganz leicht aufgerichtet. Sobald die Ruhe und Übersicht entstanden ist, kann die Bewegung weitergeführt werden.
  2. Je nach Beweglichkeit entsteht früher oder später die Grenze der möglichen Aufrichtung. Diese Phase ist schon anstrengender, zumal sie nur geringfügig von den Armen gehalten werden soll. Nun wird der Übende in der Anstrengung ruhig und richtet die Aufmerksamkeit auf den Schultergürtel, um die Spannungen darin zu lösen.
  3. Ist die Gelöstheit und Ruhe in der Anstrengung entstanden, folgt eine Aktivität des Bewusstseins. Der Übende entspannt das Gesicht und bildet sich eine Vorstellung zur Form: Die Bewegung soll in eine Kreisform übergehen und sich zurück runden.

Besonders für den letzten Schritt wird noch einmal sehr viel Ruhe benötigt, um sich innerhalb der zunehmenden Anstrengung des Haltens einem Inhalt zu widmen. Dieser Inhalt der kreisförmigen Bewegung führt jedoch auf harmonische Weise ein wenig über das schon zu Ende geglaubte Maß hinaus. Trotz dieses Fortschritts und dieser höchsten Aktivität, bleibt der Mensch innerlich ruhig und empfänglich. Er erbaut sich nicht zur Größe. Auf diese Weise kann die Zufriedenheit wirklich zu Gelassenheit gegenüber Erfolg und Misserfolg werden, in der Rudolf Steiner die Wirkung dieser Tugend sieht.

In dem Moment, wo wir tiefer in die Materie eindringen, ein Ziel verfolgen  und daran forschen, kommen wir zu einer weiteren Anforderung: die Geduld. Man kann sich schon vorstellen, wie ein zufriedener Mensch, der die Gelassenheit entwickelt hat, auch leichter Geduld aufbringen kann, da es ihm ja nicht allein um den schnellen äußerlich zu erreichenden Erfolg geht, sondern um die Beziehung, welche im Lernen und Studieren entsteht. Diese innere Beziehung hat ihre eigenen Rhythmen im Entstehen. Wer das schon einmal erfahren hat, weiß, dass man für eine wirkliche Vertiefung und Erfahrung Geduld benötigt. Doch was die Geduld wiederum in der Seele bewirkt, soll das Thema des nächsten Beitrags sein.

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